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NWZonline.de Region Ammerland Wirtschaft

Eisbären und blinde Passagiere

11.01.2018

Petersfehn Am 20. Januar bricht Peter Rößler zu seiner nächsten großen Fahrt auf. Als Kapitän wird er sein Frachtschiff nach Südamerika steuern. Von Hamburg geht es über Antwerpen und Le Havre zunächst in die dominikanische Republik, nach Kolumbien, durch den Panama-Kanal nach Peru bis zum Endhafen Valparaiso in Chile. Bis er wieder in Hamburg ankommt, werden neun Wochen vergangen sein. Neun Wochen, die auch im Jahr 2017 noch voller Abenteuer stecken können.

Solche Abenteuer hat Rößler schon einige erlebt, ein Piratenüberfall in der Malakkastraße gehört dazu, er ist auf den Salomonen-Inseln mit seinem Schiff auf ein Riff gelaufen, wurde in Saudi-Arabien festgenommen und spielte in der Antarktis einen Eisbären. Elf dieser Geschichten hat er in dem Buch „Luv und Lee – in schwerer See“ festgehalten, das jetzt im Oldenburger Isensee-Verlag erschienen ist.

1994 begann der gebürtige Leipziger, der mit Ehefrau Christine und drei Kindern in Petersfehn lebt, seine Karriere als 3. Offizier auf einem Containerschiff. Nach einigen Jahren wechselte er auf kleinere Kreuzfahrtschiffe und steuert heute wieder hauptsächlich riesige Frachter über alle Weltmeere. Im Dezember 2016 war es Rößler, der das bis dahin größte Containerschiff, die Valparaiso Express mit 10589 Standardcontainern, durch den Panama-Kanal führte.

Auch für einen erfahrenen Kapitän ist das eine Herausforderung – aber weit mehr Überwindung muss ihn seine Aufgabe als Kapitän des Kreuzfahrtschiffes MS Bremen 2013 in der Südsee gekostet haben.

„Auf der Inselwelt Vanatu gibt es ein Ritual“, berichtet er. „Wenn ein Schiff dort anlegt, muss jemand vom Schiff bei der Begrüßung ein Schwein mit einem Knüppel erschlagen – vorher dürfen die Passagiere nicht mal von Bord.“ Eigentlich, so erzählt Rößler, habe sich der Hotelmanager des Schiffes damals freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. Rößler war das recht. „Ich hatte ja nicht als Schlachter angeheuert“, sagt er. Doch einmal an Land, stand er plötzlich allein vor dem Häuptling des Dorfes. „Es war klar, wenn der Kapitän diese Aufgabe übernimmt, ist das eine ganz besondere Ehre“, sagt Rößler. „Ich konnte nichts anderes machen, als das recht kleine Schwein möglichst hart zu treffen, damit es nicht leiden muss“.

Es war nicht die einzige Fahrt, auf der Rößler mit dem Tod in Berührung kam – und nicht die schlimmste. 1996, Rößler war auf seiner dritten Reise gerade zum zweiten Offizier befördert worden, schlich sich im Sudan ein blinder Passagier an Bord der „Eagle Dawn“. „Jemand hatte Ramil erzählt, er könne mit unserem Schiff nach Europa kommen, wir pendelten aber nur zwischen dem Persischen Golf und dem Roten Meer“, erinnert sich Rößler. Ramil wurde an Bord entdeckt. „Wir haben in jedem Hafen versucht, ihn den Behörden zu übergeben, keines der Länder wollte ihn haben“, berichtet Rößler.

Seine Aufgabe sei es gewesen, den jungen Mann, der in einer Kabine festgehalten wurde, bei Laune zu halten. Erst kurz vor der Rückkehr in den Sudan habe er erfahren, dass Ramil zum Militärdienst gezwungen worden und desertiert war. „Wir hatten keine andere Wahl, als ihn im Sudan den Behörden zu übergeben. Er wurde quasi noch vor unseren Augen erschossen.“

Doch der Kapitän hat in vielen Jahren auf See bei weitem nicht nur Schlimmes erlebt. 1998, als Offizier auf der MS Bremen, war es seine Aufgabe, japanischen Passagieren vorzumachen, dass es in der Antarktis Eisbären gibt. „Im Eisbär-Kostüm wurde ich mit einem Boot auf eine Eisscholle gefahren. Als dann wenig später unsere Passagiere mich von ihren Booten aus dort sahen, haben sie angefangen, wie wild zu fotografieren.“ Erst am Abend sei der Scherz aufgelöst worden – als Rößler wieder im Eisbärkostüm an Bord vor den Passagieren auftauchte.

Auch seine Frau Christine hat Rößler an Bord der MS Bremen kennengelernt. Wie ihr Mann war ihr Vater Kapitän, sie hat also nicht nur selbst Erfahrung in der Seefahrt, sondern wusste, wie es ist, wenn die Familie über Monate allein ist. Seinen jüngsten Sohn sah Rößler zum ersten Mal, als dieser schon vier Wochen alt war.

„Meine Mutter musste damals noch Briefe schreiben, die meinen Vater erst nach vielen Wochen erreicht haben. Heute gibt es immerhin E-Mails“, sagt Christine Rößler. Selbst auf den modernsten Frachtschiffen gehört ein freier Internet-Zugang für die Crew aber nicht zum Standard. „Telefoniert wird einmal in der Woche für zehn bis 15 Minuten – und dann muss man an die Zeitverschiebung denken“, sagt Rößler.

Der Kapitän und seine Familie sind dieses Leben gewohnt, und Rößler ist bald wieder unterwegs – um neue Abenteuer und Geschichten zu sammeln.

Christian Quapp
Redakteur
Redaktion Bad Zwischenahn
Tel:
04403 9988 2630

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