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Geschichte: Wo Flüchtlinge eine Heimat fanden

11.10.2014

Rastede 1300 Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen treffen am 13. März 1945 in Rastede ein. Es ist der erste große Flüchtlingstransport der Rastede erreicht, schreibt der frühere Gemeindedirektor Ernst Klische in dem Buch „900 Jahre Rastede“, das 1959 von Hans Wichmann herausgegeben wurde.

Flüchtlinge und Vertriebene – darum geht es auch in der Ausstellung „Ziehende Landschaft“ mit Bildern des Ras­teders Heinz Wehe (1919-1988), die an diesem Sonntag um 11.15 Uhr im Palais eröffnet wird. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebener nach Rastede gekommen (NWZ  berichtete).

Zu den ersten Flüchtlingen im Frühjahr 1945 gehört Gerhard Hass, heute 1. Vorsitzender des Heimatvereins Rastede. Er ist gerade ein gutes Jahr alt, als er mit seiner Mutter Berta und Schwester Gerda aus Neustettin in Pommern flüchtet und mit dem Zug nach Rastede kommt.

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„Wir wurden zunächst auf einem Bauernhof in Delfshausen untergebracht“, schildert Hass. Aus Erzählungen weiß er, dass seine Mutter stets zu Fuß nach Rastede laufen musste, um dort einzukaufen.

Dank einer Bekannten aus Neustettin, die im gleichen Flüchtlingszug gesessen hatte, findet Familie Hass eine Bleibe in der Malerwerkstatt Schriefer. Später zieht die Mutter mit ihren beiden Kindern in ein altes Bauernhaus an der Mühlenstraße, das heute nicht mehr steht. Unweit dieser Adresse lebt Gerhard Hass heute.

Mehrere Flüchtlingsfamilien schließen sich 1948 zusammen und gründen die Selbsthilfe-Baugemeinschaft. Der Verein erhält einen Acker an der Mühlenstraße in Erbpacht. Um die Kosten niedrig zu halten, wird jedes Mitglied zur Mitarbeit verpflichtet. Auch das Baumaterial muss günstig sein. Die Steine für den Hausbau werden selbst produziert – aus einem Gemisch aus Beton und Hochofenschlacke. 28 000 Steine entstehen in kürzester Zeit. Der erste Spatenstich wird am 29. Januar 1949 getan.

Auch Berta Hass und ihr inzwischen aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrter Ehemann bauen an der Mühlenstraße ihr Heim. Das Haus steht noch immer, Gerhard Hass und Ehefrau Adelheid sind dort 2003 eingezogen, nachdem Hass’ Mutter ins Pflegeheim kam.

Obdachlosigkeit, Unterbringung und Wohnraumnot – nach dem Zweiten Weltkrieg sind dies die größten Probleme in Rastede. Bis 1950 steigt die Einwohnerzahl von knapp 9000 auf 15 000. „Jeder kleinste Raum, selbst die Besenkammer und Abstellräume, mussten der Aufnahme von Menschen dienen“, schreibt Gemeindedirektor Klische.

Die Gemeindeverwaltung ergreift nach dem Krieg die Initiative und schafft neuen Wohnraum. Die gemeindeeigene Esch-Siedlung entsteht, eine weitere folgt an der Eichendorffstraße. Auch die Brötje-Siedlung in Hostemost, die Wohneinheiten am Winkel und weitere Siedlungen stammen aus dieser Zeit.

Die Flüchtlingshäuser an der Mühlenstraße gehören zu den ersten, die fließendes Wasser haben und an eine eigene Kläranlage angeschlossen sind. „Das war damals sensationell“, sagt Gerhard Hass. Schließlich gibt es 1950 in Rastede weder eine zentrale Wasserleitung noch eine Kanalisation oder eine geordnete Müllabfuhr. Sie entstehen nach und nach aufgrund des Bevölkerungsanstiegs.

Klische schreibt denn auch: „Es gehört sicherlich mit zu den positiven Dingen, die der große Flüchtlingsstrom in unserem Gebiet auslöste, wenn man heute feststellen muss, dass die Zusammenballung dieser Menschen mit die Ursache dafür war, dass Rat und Verwaltung die Probleme der zentralen Wasserversorgung, der Kanalisation, der Gasversorgung und der Müllabfuhr lösten.“

Frank Jacob Rastede/Wiefelstede / Redaktion Rastede
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