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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung Analyse

„Weihnachten ist dann, wenn Flüchtlinge gerettet werden“

23.12.2019

Europa „Der Retter ist da“, heißt es im Weihnachtslied. Aber es stimmt nicht. Es gibt keinen Retter für die Flüchtlinge auf Lesbos, es gibt keinen Retter für die 43 000 Flüchtlinge, die seit August in Griechenland angekommen sind. Ein paar Regierungen der Europäischen Union spenden dünne Decken, aber keine starke Hilfe.

Auf Lesbos, in Europa also, versinken die Flüchtlinge im Dreck und in der bewussten Untätigkeit der europäischen Regierungen. Die Helfer von Ärzte ohne Grenzen und anderen Organisationen sind der Not nicht mehr gewachsen.

Sie berichten vom unglaublichen Elend, sei berichten vom Grauen; sie berichten von Kleinkindern, die ihren Kopf auf den Boden schlagen, die sich das Haar ausreißen und sich in die Arme beißen. Sie berichten von immer mehr Suizidversuchen verzweifelter Menschen. Bundesinnenminister Seehofer weigert sich, die tausend Kinder und Jugendlichen, die im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos dahinvegetieren, nach Deutschland zu holen. Boris Pistorius, der Innenminister von Niedersachsen, hatte geschockt und eindringlichst darum gebeten, nachdem er die katastrophalen Zustände mit eigenen Augen gesehen hatte.

Aber die Bundesregierung wartet auf eine europäische Lösung und sie wartet darauf, dass der UNO-Flüchtlingspakt, über dessen Umsetzung in Genf gerade wieder diskutiert wird, irgendwelche Wirkungen entfaltet. Es ist ein inhumanes, es ist ein tödliches, es ist ein kriminelles Warten. Nicht einmal die Regeln der Familienzusammenführung werden angewendet. Sie könnten eine Sogwirkung in Richtung Deutschland entfalten, heißt es.

Es ist ein anderer Sog entstanden: Der Sog der brutalen Gleichgültigkeit, wie sie Papst Franziskus schon 2013 angeprangert hat. Die Gleichgültigkeit, die Untätigkeit soll der Abschreckung dienen. Es ist aber ein Verrat an den europäischen Idealen.

Ein Europa das so agiert, ist kein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts; es ist ein Raum der exzessiven Unbarmherzigkeit und der Gnadenlosigkeit. Vor sieben Jahren, im Jahr 2012, hat diese EU den Friedensnobelpreis erhalten. Wenn sie mit Flüchtlingen so umgeht, müsste ihr dieser Preis eigentlich wieder aberkannt werden.

In den Weihnachtsgottesdiensten muss von der Not der Flüchtlingskinder gepredigt werden. Sie alle sind Christkinder, auch wenn sie keine Christen sind, sie alle sind Gotteskinder.

Die europäischen Regierungen, die sich der Hilfe verweigern, sind nicht viel besser als der König Herodes in biblischen Zeiten, der die Kinder hat umbringen lassen. Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit den Flüchtlingen umgegangen ist. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um entheimateten Menschen ihre Heimat wiederzugeben. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um Menschen in höchster Not, um Menschen in allerhöchster Lebensgefahr, zu retten.

Dann werden es ein paar kleine Vereine wie Sea Watch, Sea Eye und Ärzte ohne Grenzen sein, die für die großen humanitären Traditionen Europas stehen, sie werden es sein, die das gute Europa repräsentieren.

Die Weihnachtspredigt von 2019 geht wie folgt: Man darf Flüchtlinge nicht absichtlich schlecht behandeln, um auf diese Weise angebliche „Anreize“ zu begrenzen. Man darf Flüchtlinge nicht zu Menschen dritter Klasse machen. Menschenwürde darf nicht gebruchteilt und Asylpolitik nicht nach dem Motto gemacht werden: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“; Flüchtlinge, Flüchtlingsfamilien, Flüchtlingskinder sind keine Späne.

Es gäbe schon ein Mittel, um die Verhältnisse in den Fluchtländern zu verbessern und Fluchtgründe abzuschaffen: Gerechten Handel. Solange europäische Butter in Marokko billiger ist als die einheimische, solange schwimmende Fischfabriken alles wegfangen, was zappelt – so lange muss man sich etwa über den Exodus aus Afrika nicht wundern. Die EU-Subventionspolitik ist auch eine Politik, die Fluchtursachen schafft.

Gegen eine falsche Politik helfen keine neuen Mauern und keine Flüchtlings-Auffanglager an den Küsten. Solche Versuche fördern nur die Illusion, europäische Export-Lebensmittel weiter subventionieren zu können und den europäischen Reichtum nicht teilen zu müssen. (((Der Kaiser, der in Max Frischs gleichnamigem Stück „Die chinesische Mauer“ bauen lässt, tut dies, „um die Zukunft zu verhindern“. Dieser Kaiser hat in Europa seine Kommissare.)))

An diesem Wochenende holen viele von uns die Kiste mit den Krippenfiguren wieder aus dem Schrank. Wir wickeln Maria und Josef, das Christkind, die Schafe, den Ochs und den Esel aus dem Zeitungspapier des Vorjahres. Die Krippe wird aufgestellt. Ich meine: Der Stall zu Bethlehem – er stünde heute auf Lesbos. Oder er wäre eines der Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer. Die Dreikönige kämen heute im Rettungsboot.

Heute ist der vierte Adventsstonntag. Advent heißt Ankunft. Das Wort hat in flüchtigen Zeiten eine ganz besondere Bedeutung. Flüchtlinge sollen wieder im Leben ankommen.

Weihnachten ist kalendarisch am 24./25. Dezember. Das wirkliche Weihnachten ist in diesen Zeiten dann, wenn Flüchtlinge gerettet werden. Das wirkliche Weihnachten ist dann, wenn Flüchtlingskinder wieder sprechen, spielen und essen. Das wirkliche Weihnachten ist dann, wenn „Der Retter“ wirklich kommt – und er nicht nur im Weihnachtslied besungen wird.

In der Reihe„Die Meinung“ sendet das Radioprogramm NDR Info jeden Sonntag um 9.25 Uhr Kommentare profilierter Autoren und Journalisten.

Unsere Zeitung druckt an dieser Stelle ausgewählte Manuskripte ab.


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