DELMENHORST - Hermann Oetken hat vor vier Jahren seine Gesellenprüfung gemacht. Damals baute er eine Vitrine, die heute im Wohnzimmer seiner Mutter steht. Worauf es bei einem Gesellenstück ankommt, weiß Tischler Oetken deshalb genau. Auch, wo man hinschauen muss, um kleine Mängel zu entdecken. Am Sonntag schaute Oetken ganz genau hin: Er besuchte das Autohaus Brüning an der Nordenhamer Straße, in dem junge Tischler über das Wochenende ihre Gesellenstücke ausgestellt hatten. Die Absolventen der Tischlerinnung Delmenhorst/Oldenburg-Land zeigten dort – umrahmt von Neuwagen – Schränke, Fernsehbänke, einen Couchtisch und eine Tür.

Tischler Oetkens Begeisterung hielt sich indes in Grenzen. „Vieles sieht langweilig aus,“ sagte er, nachdem er sich alle Gesellenstücke angeschaut hatte. Nur ein „etwas pfiffigeres Stück“ sei seiner Meinung nach dabei.

„Die Gesellenstücke sind schick. Das Niveau ist aber nicht mehr so hoch wie noch vor ein paar Jahren“, erzählte Reinhard Meyer, Ausbilungsbetreuer und Gesellschafter bei der Baufirma Kathmann. Er nutzte den Sonntag ebenfalls, um zu schauen, was die jungen Tischler in diesem Jahr entworfen und gebaut haben. Auch zwei seiner Azubis sind fertig geworden und zeigten im Autohaus Brüning ihre Gesellenstücke – einen Tisch und eine Haustür.

Mit geschultem Blick ging auch Manfred Börsch um die Gesellenstücke herum. Der pensionierte Tischler streifte mit seiner Hand über das Holz, zog Schubladen heraus und öffnete Schranktüren. „So kann man gut sehen, ob sich der Auszubildende auch Mühe gegeben hat“, sagte Börsch. Sein Gesellenstück – „lang, lang, ist es her“ – war ein kleiner Nähtisch. „Der steht bei uns zu Hause im Flur und wird immer noch benutzt“, erzählte Börsch. „An so einem Stück hängt man. Das verkauft man nicht.“