WILHELMSHAVEN - „Früher hätten wir uns nicht so normal unterhalten können“, sagt Arnold P. (Name geändert) mit ruhiger Stimme. „Ich hatte nur die Droge im Kopf – dachte jede Sekunde darüber nach, wie ich an Geld und Stoff komme“, erzählt der Mann, der sich mit 17 Jahren seinen ersten Schuss Heroin drückte. Später versetzte Arnold P. Hab und Gut, driftete in die Beschaffungskriminalität ab. Vier Stunden hielt der Rausch an – dann begann alles von vorne.
Heute spricht der 50-Jährige ganz offen über seine Drogenbiographie. Arnold P. hat eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert und führt ein fast normales Leben – dank Methadon. Seit mehr als 20 Jahren bekommt er den Ersatzstoff, der im Gegensatz zu Heroin keinen „Kick“ verschafft. „Ohne Methadon gehen viele Suchtkranke vor die Hunde“, sagt er.
Nun befürchtet der Wilhelmshavener, dass Methadonpatienten in Wilhelmshaven dieses Schicksal ereilen könnte. Schon lange steht die Versorgung, die so genannte Substitution, vor Ort auf der Kippe. Aktuell droht Hausarzt Matthias Abelmann, einer der drei substituierenden Mediziner in Wilhelmshaven, Ende November das Handtuch zu werfen. Zu groß sei die Arbeitsbelastung, zu gering der Rückhalt bei den meisten Kollegen und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Diese ist für die wohnortnahe Versorgung zuständig, kann aber keine Ärzte dazu verpflichten.
Seit Montag treffen sich deshalb die Suchtpatienten jeden Vormittag zur Mahnwache am Ärztehaus, in dem die Bezirksstelle der KV ihre Büros hat. Die Betroffenen lösen sich ab, mindestens zwei sollen täglich Stellung an der Kirchreihe halten. Sie wollen auf ihr Problem aufmerksam machen und fordern die KV auf, endlich zu handeln.
„Weitere Hausärzte wollen sich derzeit nicht beteiligen, ebenso wenig die beiden Krankenhäuser oder das Gesundheitsamt“, schreiben die Betroffenen in ihrem Flugblatt. Die angedachte Schwerpunktpraxis, an der sich Abelmann mit weiteren Ärzten beteiligen wollte, ist bisher gescheitert. Die KV wollte die beantragte Summe aus dem Sicherstellungsfonds nur zur Hälfte tragen. Es geht insgesamt um 60 000 Euro pro Quartal.
„Wenn Dr. Abelmann aufhört, müssen wir täglich nach Varel oder Oldenburg fahren.“ Die Fahrten mit der Bahn müssten die Suchtpatienten selbst bezahlen – die meisten könnten sich das nicht leisten. „Da ziehen die Junkies lieber los, um sich Methadon auf dem Schwarzmarkt zu besorgen. Oder sie nehmen wieder Heroin.“
Das befürchtet auch Saskia S. (Name geändert), die ebenfalls Methadon bekommt und seit zehn Jahren ein besseres Leben führt. Vier Jahre lang konsumierte sie Heroin. „Damals war ich wie tot“, erinnert sich die 30-jährige Mutter von zwei Kindern. Fünf Jahre saß Saskia S. in Haft: „Einfuhr und Handel.“ Saskia konsumierte nicht nur, sondern verkaufte den Stoff auch.
Mit Sorge beobachtet auch Susanne Ratzer von der Wilhelmshavener Aids-Hilfe die Situation. Sie befürchtet eine hohe Rückfallquote, sollte die Methadonversorgung in Wilhelmshaven zusammenbrechen. „Substitution leistet einen wichtigen Beitrag für die Gesundheit und reduziert das Risiko, sich mit HIV zu infizieren“, so Ratzer. Das gemeinsame Nutzen von Spritzen sei immer noch einer der häufigsten Infektionswege. „Der Druck ist so groß, dass HIV oder Hepatitis für Drogen gebrauchende Menschen oft zweitrangig sind.“ Da sich viele Betroffene nicht untersuchen lassen, sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.
Die Beratungsstelle an der Paul-Hug-Straße teilt deshalb Einwegkanülen und -Spritzen an Heroinabhängige aus. Und die Nachfrage ist groß: In diesem Jahr verteilte die Aids-Hilfe bereits 264 Spritzen. Im Jahr 2008 waren es noch 51. Bei den Kanülen ist die Zahl von 263 auf gut 1000 gestiegen.
„Viele bekommen keinen Platz oder sind aus dem Methadonprogramm herausgefallen“, weiß Ratzer aus Gesprächen mit Betroffenen. Künftig sollen „Carepacs“ abgegeben werden. Darin sind Spritze, Nadeln, Tupfer und ein kleiner Behälter sowie Ascorbinsäure zum Aufkochen des Heroins. „Verhindern können wir den Konsum nicht“, sagt Ratzer. Methadon sei aber ein Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
