Dangast - „Frau zwischen roten Stühlen“ ist der Titel eines Aquarells von Franz Radziwill, das 1924 entstanden ist (es gibt auch ein späteres Gemälde). Es zeigt vor grünem Hintergrund eine Frau mit rotem Hut auf einem roten Stuhl sitzend im Seitenprofil, den Arm lässig auf die Lehne eines weiteren roten Stuhls gelehnt. Die Porträtierte ist Johanna Inge, die erste Ehefrau des Malers Franz Radziwill.

Die Stühle, die Radziwill als Staffage für sein Bild dienten, kann man noch heute sehen und sich draufsetzen. Sie stehen im Franz-Radziwill-Haus in Dangast (Kreis Friesland), dem Wohnhaus und Atelier des Malers, in dem die allermeisten seiner Werke entstanden sind. Radziwill und seine Frau hatten das Fischerhaus an der sandigen und damals noch namenlosen Straße 1923 erworben. Zuvor hatte ein Sammler zwei Gemälde gekauft und in US-Dollar bezahlt.

Dass Besucher das Wohnhaus des Malers betreten können, liegt an Radziwills Tochter Konstanze, die das Haus der Franz-Radziwill-Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Die veranstaltet dort seit 30 Jahren viel beachtete Ausstellungen zu verschiedenen Aspekten der Werke Radziwills.

Die Geburtsstunde der Radziwill-Gesellschaft war der 21. Juni 1987. Im Dangaster Kurhaus trafen sich mehr als 100 Menschen, um das Projekt „anzuschieben“, darunter der damalige niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Johann-Tönjes Cassens (CDU). Festredner war der Kustos der Berliner Nationalgalerie (damals noch DDR), Dr. Roland März. Einen Katalog zu Radziwills Werken gab es auch schon – „Raum und Haus“ betitelt und im renommierten Bucher-Verlag erschienen.

Es folgten erste Ausstellungen im Radziwill-Haus, für das Konstanze Radziwill den schönen Begriff „begehbare Künstlerbiografie“ gefunden hat. In der Tat ist die Ausstattung der Wohnräume und des Ateliers weitgehend so, wie der Malers sie 1983 hinterlassen hatte. Die Finanzierung des privaten Museums war immer eine schwierige Angelegenheit.

Da war zum einen in Varel die Erinnerung an den unbequemen Mahner Franz Radziwill, der auch Landschaftswart war und sich für den Erhalt der Natur einsetzte. Da war auch die Erinnerung an das NSDAP-Parteimitglied Franz Radziwill, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen jahrelangen Rechtsstreit um Anerkennung als politisch Verfolgter führte (und verlor). Da war die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Radziwill – gegen die Stimmen der SPD, die später mit ihrer Ratsmehrheit zeitweise eine finanzielle Unterstützung der Radziwill-Gesellschaft erschwerte.

Dann war da noch das traurige Fernbleiben der drei Vareler SPD-Repräsentanten bei der Vorstellung der Radziwill-Briefmarke zu Radziwills hundertstem Geburtstag 1995. Die Vorstellung der Briefmarke hätte in Varel im Rathaus stattfinden sollen. Als keiner der drei ehrenamtlichen Bürgermeister kommen wollte, entschied sich die Deutsche Post für das Oldenburger Schloss als Ort für die Feierstunde.

Privatpersonen, Stiftungen und der Landkreis Friesland sorgten für das Fortbestehen des kleinen Museums, das mit wechselnder personeller Unterstützung Ausstellungen organisierte – immer mit großem Idealismus und wesentlich kleinerem Budget (später kehrte auch die Stadt Varel in den Kreis der Unterstützer des Hauses zurück).

Die Schau zum 100. Geburtstag 1995 fand großes Interesse und bundesweite Anerkennung. Ein Riesenerfolg war die Schau „Expressionisten in Dangast“ (1996 bis 1998), die Werke der „Brücke“-Maler, Bilder von Weltgeltung, an ihren Entstehungsort zurückbrachte.

Nach Cassens sind etliche Kulturminister im Radziwill-Haus gewesen, ob Lutz Stratmann und Johanna Wanka (beide CDU) oder Thomas Oppermann (SPD). Zu einer Förderung durch Festeinstellung eines wissenschaftlichen Mitarbeiters hat sich noch keiner der Minister überreden lassen.

Die rührige Radziwill-Gesellschaft hätte es indes verdient. „Wir brauchen eine institutionelle Förderung“, sagt Konstanze Radziwill. Sie wertet das 30-jährige Bestehen als Erfolgsgeschichte, „gegen Widerstand und Skepsis“ habe man das Haus zum viel beachteten Museum gemacht. „Was mich sehr freut, ist neben dem überregionalen Echo die Verbundenheit der Dangaster und ihrer Gäste zum Haus“, sagt sie.

Biografisches: Franz Radziwill wurde am 6. Februar 1895 in Strohausen bei Rodenkirchen an der Weser geboren. Er wuchs in Bremen auf, wo er auch eine Maurerlehre absolvierte und anschließend die Höhere Staatslehranstalt für Architektur besuchte. Auf Empfehlung von Karl Schmidt-Rottluff besuchte Radziwill 1921 erstmals Dangast, 1923 erwarb er das Haus Sielstraße 3 und baute es um zum Wohnhaus und Atelier. Dort lebte und arbeitete er bis zu seinem Tod 1983. Es entstanden in Dangast Hunderte von Gemälden und Aquarellen sowie Zeichnungen.

30 Jahre Radziwill-Haus: Alle Interessierten sind für Mittwoch, 21. Juni, zu einer Führung durch die Ausstellung „Die Palette des Malers“ eingeladen (16 Uhr, Sielstraße 3). Anschließend findet um 18 Uhr im alten Kurhaus (An der Rennweide 46) ein Benefizessen mit Vortrag statt (100 Euro pro Person, Informationen im Radziwill-Haus unter t   04451/27 77).

Ausstellung: „Die Palette des Malers“ (mittwochs bis freitags 15–18 Uhr; samstags/sonntags, feiertags 11–18 Uhr; Sielstraße 3 in Dangast). Eintritt 5 Euro.