MüNCHEN - Mark Haddon: „Der wunde Punkt“, Blessing, München, 447 Seiten, 19,95 Euro.

Von Regina Jerichow

Allen Problemen aus dem Wege zu gehen, ist eine Kunst, in der es George Hall zur Meisterschaft gebracht hat. Als er in der Umkleidekabine eines Kaufhauses einen merkwürdigen Fleck an seiner Hüfte entdeckt, den er sogleich als Hautkrebs diagnostiziert, gelten seine ersten Gedanken der Frage, wie er am unkompliziertesten aus dem Leben scheiden kann. Liegt ja auch nahe, schließlich probiert er gerade einen Anzug für die Beerdigung eines Freundes an. Der Gedanke bleibt jedoch Theorie, denn statt abzutreten, kippt George einfach um.

Daheim trifft den Rentner ein weiterer Schlag: Tochter Katie will zum zweiten Mal heiraten – ihren Freund Ray, den aus unerfindlichen Gründen keiner in der Familie leiden kann. Sohn Jamie wiederum hat ganz andere Sorgen: Wenn er Tony zur Hochzeit mitnehmen würde, müsste er ihn seiner Verwandtschaft vorstellen und damit öffentlich eingestehen, was ohnehin jeder weiß: Dass er schwul ist. Also druckst er herum und verscheucht sein Glück.

Fehlt noch Ehefrau Jean, die seit Jahren mit einem ehemaligen Arbeitskollegen ihres Mannes eine Affäre hat – heimlich, versteht sich. Die Kunst, allem Unangenehmen aus dem Wege zu gehen, beherrscht auch sie. Dass George die beiden im eigenen Ehebett beobachtet hat – ein Anblick, den er sich gerne erspart hätte –, erfährt sie erst am Schluss. Denn George schweigt. Als überzeugter Hypochonder findet er seinen vermeintlichen Hautkrebs, ein harmloses Exzem, schon schlimm genug.

Zwei Kinder, Vorstadthaus mit Garten – eine bescheidene Durchschnittsfamilie mit durchschnittlichen Problemen. Sollte man meinen. Doch in Wahrheit ist die Hölle los. Jeder übt sich in Selbstbetrug und pflegt seine alltäglichen Macken, keiner hinterlässt einen unsympathischen Eindruck, aber alle wirken hilflos und obendrein urkomisch.

Der Schriftsteller Mark Haddon, dessen Debüt „Supergute Tage“ auf Anhieb ein internationaler Bestseller und mit 17 Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, malt in seinem zweiten Buch ein Familienporträt von der schrägen Sorte, wie es wohl nur ein Brite mit typisch staubtrockenem Humor zustande zu bringen vermag. „Der wunde Punkt“ ist ein mit viel Witz gewürzter Unterhaltungsroman, der sich bald als Spannungslektüre mit einigem Tiefgang entpuppt. Ein Balanceakt, den Haddon leichtfüßig meistert.

Das liegt vor allem an seinem lockeren Erzählton, an den kleinen Gags, die er einstreut, ohne jedoch zu dick aufzutragen, an seinen prägnanten Figurenskizzen, der ständig wechselnden Perspektive und dem geschickt aufgebauten Plot. Der steuert unaufhaltsam auf den Höhepunkt zu, auf eine familiäre Katastrophe, die das Chaos erst perfekt macht: Katies Hochzeit im Garten.

Ein Finale, das es in sich hat und bei dem Haddon den Finger auf sämtliche wunden Punkte seiner Figuren legt.