Paris/Brühl - Vor 40 Jahren beginnt eine Art Revolution des Kleinwagens, als in Frankreich 1972 bei Renault der erste R5 vom Band läuft. Außen klein, innen groß, schick und charmant, preiswert zu kaufen und billig zu reparieren, nimmt er die Herzen der Großstädter im Sturm. Fast über Nacht wird der von den Werbern erst zum „Supercar“ und später zum „kleinen Freund“ gestempelte Zweitürer zu einem der erfolgreichsten Autos in Frankreich und läutet eine neue Kleinwagen-Ära ein, die in Deutschland noch lange auf sich warten lässt. Schließlich knattert dort noch immer der Käfer.

Zum ersten Mal wird ein Auto quasi von Kunden mitentwickelt, zitiert Renault-Sprecher Thomas May-Englert aus den Archiven. Projektleiter Bernard Hanon fragt Käufer, was sie von ihrem Wunschauto erwarten. Unkonventionell soll er sein, sagen diese.

Die Kunststoffstoßfänger zum Beispiel sind eine kleine Revolution. Sie sind widerstandsfähiger und billiger als die damals gängigen Blechplanken. Die senkrechten Rückleuchten schaffen Platz für eine breite wie tiefe Heckklappe, die das Laden erleichtert. Bei nur 3,51 Metern Länge bietet der R5 vier großzügig bemessene Plätze und schluckt mit umgeklappter Rückbank 900 Liter Gepäck.

Vorstandschef Pierre Dreyfus verlangt ein Auto, das junge Menschen ebenso wie kleine Familien, Zweitwagenbesitzer und vor allem Frauen anspricht. Er soll klein genug für den Großstadtverkehr sein, variabel genug für Großeinkauf und Wochenendtrip – und moderner und jugendlicher als der R4 aussehen.

Die Franzosen bringen den Wagen schon im Herbst 1972 nach Deutschland – und die Fachpresse ist voll des Lobes. „Der kleine Renault ist, was Raumausnutzung, Transportkapazität sowie seine Eignung als Stadt- und Einkaufswagen angeht, unter Europas Kleinwagen zweifellos der größte“, schrieb etwa die Zeitschrift „Auto, Motor und Sport“.

Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert: Noch immer wirkt der R5 geräumiger als die meisten modernen Kleinwagen – obwohl seine Ur-Enkel allesamt einen halben Meter länger sind. Den Oldtimer treibt ein Vierzylinder an. Aus einem Liter Hubraum schöpft er gerade mal 45 PS und hat mit dem 900-Kilo-Wägelchen seine liebe Mühe.

Der kleine Franzose wankt so weich und knautschig durch die Kurven, dass eine Fahrt zur Zeitreise ins Frankreich der 70er Jahre wird. Wen interessiert da schon ein Sprintwert von 21,4 Sekunden auf 100 km/h? Und wer grämt sich, dass bei 135 km/h schon Schluss ist?

Die erste Generation des R5 baut Renault bis 1984 – am Ende sogar in einer um sechs Zentimeter gestreckten Version mit vier Türen. Dann kommt mit ähnlichem Design und neuer Technik die zweite Generation, die als Supercinq (Superfünf) verkauft wird und noch einmal zehn Jahre lang läuft. Dann ist Schluss.