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NWZonline.de Ratgeber Motor

Mit Luxus und Leistung raus aus dem Stimmungstief

09.08.2017

Frankfurt Am Main Es ist ein bisschen wie der Tanz auf dem Vulkan. Denn auf der einen Seite eilen die Autohersteller von Rekord-Quartal zu Rekord-Quartal. Doch auf der anderen Seite werden immer mehr Marken in den Sog des Dieselskandals hineingezogen. Und als wäre das nicht genug, reißt die Diskussion um Fahrverbote und zwingende Elektroquoten genauso wenig ab wie der Jubel über Newcomer vom Schlage eines Tesla. In diesem Spannungsfeld müssen die Autobauer zum Branchengipfel nach Frankfurt und bei der IAA (Publikumstage: 16. bis 24. September, www.iaa.de) neue Ideen und Modelle vorstellen.

Das ist eine Aufgabe, der sich diesmal nicht alle Marken stellen. Während die deutschen Hersteller das Heimspiel schlecht schwänzen können, bleibt ein knappes Dutzend Hersteller von Abarth bis Volvo kurzerhand zu Hause, darunter Volumenmarken wie Peugeot und Fiat.

Wer zur IAA fährt, setzt auf eine Karte, die bei Messen immer zieht: Luxus und Leistung sollen die Faszination für das Fahrzeug wecken und die Stimmung heben, selbst wenn Neuheiten mit mehr als 1000 PS oder für mehr als eine Million Euro kaum auf große Stückzahlen kommen werden. Es sind deshalb vor allem Supersportwagen, Oberklasse-Limousinen und natürlich SUV, die sich berechtigte Hoffnungen auf eine Hauptrolle im Messezirkus machen.

Der größte Star dürfte sich am Mercedes-Stand drehen. Dort zieht die schnelle Tochter AMG zu ihrem 50-jährigen Bestehen das Tuch von einem neuen Sportwagen, der laut Firmenchef Tobias Moers eher hyper als super ist. Nicht umsonst hat er dank Technik aus der Formel 1 mehr als 735 kW/1000 PS und wird knapp drei Millionen Euro kosten. Weil gegen dieses Auto kein anderes Modell eine Chance hat, wird es bei Mercedes zumindest keine weitere große Premiere geben. Der neue CLS und die nächste G-Klasse sind zwar fertig, müssen aber wohl noch ein paar Monate hinter dem Vorhang warten.

Auch die Konkurrenz fährt groß auf, holt dafür aber nicht den Sportdress, sondern den Smoking aus dem Schrank. So hat Audi das Messedebüt des neuen Flaggschiffs A8 angekündigt. In der Halle der BMW Group steht neben dem zum Sechser aufgestiegenen Fünfer GT und der Neuauflage des X3 vor allem die achte Generation des Rolls-Royce Phantom im Rampenlicht. Luxuriöser, so verspricht die BMW-Tochter für das neue Topmodell, könne man sich auf der Straße nicht bewegen.

Hier der ultimative Sport, dort maximaler Luxus - und dazwischen stehen Neuheiten wie die nächste Generation des Bentley Continental, die dritte Auflage des Porsche Cayenne oder ein neuer BMW M5 erstmals mit Allradantrieb, die diese beiden Pole jeweils auf ihre Art unter einen Hut bringen sollen.

Zwar werden diese PS-Pretiosen an den Besuchertagen wohl am dichtesten umlagert sein. Doch so ganz ohne Neuheiten für den kleineren Geldbeutel muss die IAA nicht auskommen. So macht Volkswagen seinem Namen alle Ehre und feiert das Publikumsdebüt des neuen Polo. Und für alle, denen ein Tiguan zu bieder oder zu teuer ist, enthüllt VW den jugendlicher wirkenden Geländewagen T-Roc.

Damit ist der Boom auf der Buckelpiste aber noch lange nicht vorbei. In die Reihe mit Cayenne, X3 und T-Roc gehören noch ein paar weitere Geländegänger. Schließlich zeigen Hyundai und Kia ihre aufgebockten Stadtflitzer Kona und Stonic, die VW-Töchter Seat und Skoda holen Arona und Karoq auf die Bühne. Opel lässt auf den Crossland X den Grandland X folgen. Jaguar stellt dem F-Pace als kleinen Bruder den E-Pace zur Seite, Dacia zeigt die Neuauflage des SUVs Duster. Damit dürfte dann bald jede Nische im Großstadtdschungel besetzt sein.

Zwar liest sich das Premierenprogramm nach wie vor imposant. Doch ist die Liste schon deshalb nicht so lang wie in den Vorjahren, weil ein knappes Dutzend Hersteller fehlt. Und das liegt nicht allein an den hohen Kosten für so einen Messeauftritt, sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer. Er fürchtet einen anhaltenden Zuschauerschwund und einen Bedeutungsverlust, weil sich das Konzept überlebt habe.

Erstens könne man neue Autos im Internet mittlerweile früher und besser sehen als in einer Messehalle. Und zweitens sei den Besuchern die Begeisterung abhanden gekommen, klagt der Professor an der Universität Duisburg-Essen: Für eine Computermesse wie die Gamescom übernachteten die Teens in Köln in Zeltstädten. „So was war vor 50 Jahren bei Autos denkbar. Aber heute kann sich das keiner mehr vorstellen“, sagt Dudenhöffer und gibt die Schuld dafür nicht zuletzt den Autoherstellern: „Ein paar Zentimeter mehr Länge und Breite, ein paar weitere PS und ein netter Innenraum - kontinuierliche Verbesserung macht emotionslos.“

In Dudenhöffers Augen muss sich nicht nur die Autoindustrie verändern und neue Wege gehen, wenn sie ihre Bedeutung nicht verlieren will. Um zu überleben müssten sich auch die Messen neu erfinden: „Ein schlüssiges Konzept hat zwar bislang weder die IAA gefunden noch eine der anderen großen internationalen Automessen. Doch immer so weiterzumachen, kann deshalb keine Lösung sein.“

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