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NWZonline.de Ratgeber Motor und Verkehr

Tradition: In der „Badewanne“ auf die Straße

02.10.2020

Köln Was dem Amerikaner die Heckflosse, das war dem Deutschen der Gelsenkirchener Barock. Doch egal welchen Namen man dem Stil auch geben mochte: Hier wie dort waren die Autos in den 1950ern schwülstig gezeichnet und hoffnungslos überladen.

Zumindest bis Ford im Oktober 1960 den Taunus 17M (P3) an den Start brachte. Mit dem Mittelklässler machten die Kölner Schluss mit dem Schwulst und verschrieben sich einer neuen, nüchternen und klareren Formensprache.

Traum der Mittelschicht

Mit ganz wenigen Linien gezeichnet, wollte der Taunus Aufbruch signalisieren und gestalterische Irrungen wie den Nierentisch und sein Ambiente hinter sich lassen. Zierrat wie die sonst üblichen Chromleisten auf den Flanken hat man kurzerhand weggelassen, den sonst oft prominent präsentierten Tankdeckel gar hinter dem Nummernschild versteckt.

Vor allem ging es den Machern mit dieser selbst erklärten „Linie der Vernunft“ schon vor 60 Jahren um Effizienz: Glatt und schnörkellos, war der Wagen deutlich windschnittiger als alles andere, was damals durch die Mittelklasse fuhr. Er war, so berichten es die Chronisten bei Ford, zwanzig Prozent sparsamer als sein Vorgänger, konnte besser beschleunigen und erreichte eine größere Höchstgeschwindigkeit.

Bei der Bevölkerung hatte der 17M schnell einen Spitznamen weg: Wegen seiner gerundeten Flanken wurde der Taunus 17M zur „Badewanne“. Aber so, wie das Wannenbad der Luxus des kleinen Mannes ist und vor 60 Jahren so besonders war, dass man es sich allenfalls am Wochenende gönnte, so wurde auch der 17M, der als zweitürige Limousine anfangs bei knapp 6700 D-Mark startete, zum Traumwagen der Mittelschicht.

Platz in Hülle und Fülle

Immerhin funkelte drinnen ganz anders als draußen reichlich Chrom, das anders als heute sogar noch auf echtes Blech aufgetragen wurde. Das Armaturenbrett war mit Kunststoff bezogen und das rote Plastilin-Leder der Sitze trug breite weiße Streifen, als hätte Ford für den Taunus einen amerikanischen Diner ausgeräumt.

Auch wenn man von den Fensterhebern bis zum Schminkspiegel viele Selbstverständlichkeiten moderner Modelle vermisst, bietet der Taunus etwas, das selten geworden ist: Platz in Hülle und Fülle. Obwohl mit 2,70 Metern Radstand und 4,45 Metern Länge kaum größer als heute ein Focus, sitzt man drinnen luftiger als im aktuellen Mondeo – von der besseren Aussicht ganz zu schweigen.

Nur unter der Haube ist es mit Luxus, Lust und Leistung nicht sonderlich weit her. Ja, es gab den Taunus über seine gesamte Laufzeit bis zum Modellwechsel im Jahr 1964 mit drei Triebwerken bis hin zum 1,75 Liter mit zuletzt 55 kW/75 PS, der dann sogar etwas mehr als 150 km/h schaffte.

Doch der Oldtimer aus der Klassik-Sammlung von Ford ist ein Basismodell, dessen Vierzylinder eine gewisse Demut lehrt. Aus 1,5 Litern schöpft der Wagen gerade mal 40 kW/55 PS, bis Tempo 100 lässt er sich über 20 Sekunden Zeit. Und mehr als 136 km/h sind nicht drin.

Schaltung am Lenkrad

Aber heute will man mit so einem Auto ohnehin nicht schnell fahren, selbst wenn das Fahrwerk mit der blattgefederten Starrachse im Heck durchaus das nötige Vertrauen für eine flottere Spritztour vermittelt, die Lenkung halbwegs zielgenau ist und man irgendwann auch die am Lenkrad angeschlagene Viergangschaltung begriffen hat. Und damals hat man sich in einem Taunus auch nicht hetzen lassen: Denn wer es mal in die „Badewanne“ geschafft hatte, der war schon vor der Fahrt an seinem Ziel angekommen.

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