PARIS - Deutschland im Jahr 1961: Konrad Adenauer ist Bundeskanzler, die Jugend hört Peter Kraus, der VW Golf heißt noch Käfer, und auf der Internationalen Automobilausstellung gibt es einen Star, mit dem keiner gerechnet hat. Ein Kleinwagen – noch dazu einer aus Frankreich – stiehlt der versammelten PS-Prominenz die Schau: der Renault R4.
Fast genau 50 Jahre nach seiner Premiere ist der kantige Kasten aus Frankreich Kult. Denn er hat nicht nur die Welt der Kleinwagen revolutioniert, sondern es auch in der Statistik weit gebracht. In 31 Jahren liefen bis 1992 mehr als acht Millionen Exemplare vom Band. „Das macht den R4 zum meistverkauften Auto aus Frankreich und zu einem der erfolgreichsten Fahrzeuge weltweit“, schreibt der Stuttgarter Sammler Ingo Heitel auf seiner R4-Webseite.
Was den 3,66 Meter kurzen R4 so besonders macht, ist seine Konstruktion. Mit vier Türen, großer Heckklappe und einer Rückbank, die man erstmals bei einem Serienauto im Handumdrehen umlegen kann, beschreitet er neue Wege. Weil er mit seinen 1,55 Metern höher ist als viele Autos dieser Zeit, sehen ihn Fans als Urvater des Kompaktvans.
Das Konzept setzt sich durch. Studenten lieben den R4 als billigen Kleinwagen, der zur Not auch für Umzüge einer ganzen WG taugt. Für junge Pärchen gibt er den idealen Familienwagen. Nicht zuletzt bei Handel, Handwerk und Gewerbe kommt der R4 gut an. Nur einen Monat nach der Premiere der Limousine bringen die Franzosen den nicht minder erfolgreichen Kastenwagen Fourgonnette. Später gibt es weitere Karosserievarianten: 1964 einen R4 mit Allradantrieb und einen Pick-up, 1965 das türenlose Vollcabrio „Plein Air“ und 1970 das Freizeitgefährt „Rodeo“, das die Idee der heutigen SUV vorwegnimmt.
Seinen Erfolg hat der R4 dem damaligen Renault-Chef Pierre Dreyfus zu verdanken, der die Ingenieure zu einem radikalen Neuanfang zwingt. Die Verantwortlichen lassen sich weder vom Heckmotor noch vom Hinterradantrieb des Vorgängers 4CV beeinflussen. Stattdessen packen sie den Motor zwischen Fahrer und Vorderachse in den Bug. Wo andere Kleinwagen als „Heckschleudern“ beschimpft werden, bleibt der R4 auch in Kurven gutmütig.
Charaktermerkmal ist die gewöhnungsbedürftige Revolverschaltung, die die Fans aber schnell liebgewinnen. Der Blick ins spartanische Cockpit des Klassikers bleibt immer wieder an jenem Schaltknauf hängen, der wie ein Pistolengriff aus dem Armaturenbrett ragt. Die Schaltung ermöglicht einen vollkommen ebenen Wagenboden, so dass man bequem durchrutschen und den R4 problemlos auf beiden Seiten verlassen kann. In engen Parklücken ist das keine schlechte Eigenschaft.
Recht mickrige Motoren sind vor 50 Jahren zwar normal, doch der R4 ist schon für damalige Verhältnisse dürftig motorisiert. In Deutschland startet der R4 1961 für 3830 Mark mit einem wassergekühlten Vierzylinder, der aus 0,75 Litern Hubraum 23 PS schöpft. Ein Jahr später gibt es 0,85 Liter und 26 PS, und ab 1973 verkauft Renault den R4 immerhin mit 34 PS. Damit sind 120 km/h möglich.
Aber spätestens in den Ölkrisen 1971 und 1973 zahlt sich die Bescheidenheit aus – auch in Deutschland. „Zeitweise erreicht er einen Marktanteil von vier Prozent“, sagt Renault-Sprecher Thomas May-Englert. Werte, die Renault heute nicht einmal mit der gesamten Flotte erzielt.
