Nessmersiel/Baltrum - Tagestouristen sind auf der Insel Baltrum wichtig. Das findet auch Keya Hinrichs. Da will sie nicht missverstanden werden – man habe diese Menschen in Zeiten des Lockdowns vermisst. Aber jetzt, in den Sommermonaten, „überrennen täglich Hunderte von Tagestouristen die Insel“, ärgert sich die Baltrumerin. Zu viele für sie.
Deshalb hat Keya Hinrichs auf der Online-Plattform openpetition eine Unterschriftenaktion gestartet. Sie fordert vom Landkreis Aurich und der Reederei Baltrum-Linie, in diesen Monaten die Anzahl der Tagesgäste auf 200 bis 500 zu beschränken. Besonders an den Wochenenden sei dies dringend notwendig, so Hinrichs.
In der Petition wird die Reederei Baltrum-Linie heftig kritisiert. Ihre „Profitgier“ bringe Insulaner, Tagesgäste und auch die eigene Besatzung in „massive Gefahr“ heißt es in der Bittschrift. Die Reederei sei die einzige, die von diesem „Übertourismus“ profitiere. Beide Fähren, die MS Baltrum I und III, würden mit voller Auslastung fahren.
Christina Ulrichs, Geschäftsführerin der Baltrum Linie, will die Kritik an ihrem Unternehmen nicht so stehen lassen. Sie reagiert deutlich auf eine Petition, in der gefordert wird, die Anzahl der Tagesgäste auf Baltrum zu beschränken – und der Vorwurf erhoben wird, die Reederei würde aus „Profitgier“ vom „Übertourismus“ profitieren.
Es gebe Tage im Jahr, so Ulrichs, an denen viele, sehr viele Menschen auf die Insel wollten. Der 31. Juli beispielsweise war solch ein Tag. Die MS Baltrum I bietet laut Reedereichefin Platz für 1000 Passagiere. Aktuell würden aber lediglich 800 befördert. Auf die MS Baltrum III dürfen 375 Menschen. Bei weiterem Bedarf setzt die Reederei zusätzlich die MS Baltrum II ein. Christina Ulrichs ist sich sicher: Diese Anzahl an Menschen werde sich dann auf der Insel verlieren. Sie weist darauf hin, dass sich bis jetzt kein Fahrgast beschwert habe.
Fähren dürfen ausgelastet werden
In der Petition heißt es weiter: Es sei den Fahrgästen nicht möglich, den geforderten Mindestabstand einzuhalten. Damit bringe das Unternehmen Insulaner und auch Gäste in Gefahr, so der Vorwurf. „Von einer Beförderungsobergrenze sieht das Unternehmen offensichtlich ab, frei nach dem Motto ,Corona gibt es nicht mehr‘.“
Christina Ulrichs stellt klar, dass es gestattet sei, die Fähren bis zu 100 Prozent auszulasten. Das sei nach Baltrum nicht anders als bei den Reedereien, die die anderen Ostfriesischen Inseln ansteuern. Dass der Mindestabstand nicht immer einzuhalten sei, räumt sie allerdings ein. Es herrsche jedoch Maskenpflicht während der gesamten Überfahrt. Darauf werde ausdrücklich hingewiesen. In Bussen und Bahnen sei das nicht anders.
Gleichzeitig sagt Christina Ulrichs aber auch, dass sie sich manches Mal Unterstützung durch den Landkreis wünsche. In Schleswig-Holstein gibt es seit kurzem eine Ampel, die darauf hinweist, dass Strände gesperrt werden, weil bereits viele Menschen sich einen Platz am Wasser gesucht haben. „Es ist die Frage, wie geht man mit den Spitzenwerten umgeht?“, so Ulrichs. Den Vorwurf der Profitgier weist die Geschäftsführerin von sich. Ihre Firma biete schließlich Überfahrten tagtäglich das ganze Jahr über an.
Aurichs Landrat Olaf Meinen betont, dass es grundsätzlich jedem frei stehe, sich mit einer Petition an den Landkreis zu wenden. Die Forderung umzusetzen, werde für den Landkreis jedoch schwer. Jeder Mensch dürfe fahren, wohin er wolle. Das sei ein Grundrecht. Der Landkreis könne diese Freizügigkeit nicht einfach einschränken. Kein ostfriesischer Landkreis habe aktuell Beschränkungen erlassen. „Natürlich sehen wir, dass die Zahlen der Corona-Infizierten derzeit wieder steigen“, so Meinen. Das könne aber keine Rechtfertigung sein, leichtherzig ein Grundrecht auszusetzen. Aber er verspricht auch: „Wir entscheiden jeden Tag neu.“
Mit vermehrten Kontrollen auf den Fähren sowie auf den Inseln überprüfe das Ordnungsamt des Landkreises immer wieder die Einhaltung der Hygienevorschriften, betont der Landrat.
Probleme mit einer Beförderungsobergrenze
Meinen möchte im Zusammenhang mit der Kritik an Tagestouristen eines loswerden: Ihn ärgert maßlos, wenn in Zusammenhang mit dem Ankommen von Gästen von einer „Überflutung“ gesprochen wird. Vor ein paar Jahren sei das der Terminus von Mitgliedern der AfD in Bezug die Flüchtlinge gewesen. Gäste seien im Landkreis Aurich herzlich willkommen, betont der Landrat.
Jan Bengen, Vorsitzender des Rates, hat nach eigenen Aussagen derzeit „ganz andere Probleme“ als die, die die Petition aufgreift. Der Landkreis Aurich gehöre zu denen mit den niedrigsten Corona-Fallzahlen in Deutschland. Zudem greife die Petition zu kurz. Wenn man eine Obergrenze für die Beförderung von Tagesgästen auf der Baltrum-Fähre fordere, dann müsse man auch für die Bahn und den Flugverkehr eine Obergrenze festlegen.
Im Netz haben sich bereits zahlreiche Menschen der Forderung von Keya Hinrichs angeschlossen, die Anzahl der Tagestouristen zu begrenzen. Bis gestern hatten schon über 840 Menschen unterschrieben. Dabei hat Hinrichs die Petition gerade erst vor einer Woche gestartet. Sie setzt sich nach eigenen Worten auch deshalb für einen begrenzten Zustrom von Tagesgästen ein, um das Alleinstellungsmerkmal von Baltrum zu bewahren: „Dieser Massentourismus genügt nicht mehr den Ansprüchen der Langzeitgäste nach Ruhe, Natur und Entschleunigung im Weltnaturerbe Wattenmeer.“
