Herr Drijencic, Sie besitzen seit 2013 neben der kroatischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Gehen Sie am Sonntag zur Wahl?

Mladen DrijencicJa, klar. Sehen Sie, meine Frau und ich sind Kinder des Sozialismus und fühlen uns jetzt sehr wohl in einer Demokratie. Wenn ich die Chance habe, etwas zu entscheiden, dann mache ich das. Leute, die nicht zur Wahl gehen, haben kein Recht, sich hinterher zu beschweren.

Sie sind 1994 als Angehöriger einer kroatischen Minderheit in Bosnien als Kriegsflüchtling nach Deutschland gekommen. Nun könnte die AfD drittstärkste Partei im Bundestag werden. Was empfinden Sie dabei?

Drijencic Einige Menschen benutzen das Flüchtlingsthema, um andere Ziele durchzusetzen – ich hoffe, dass ihnen das nicht gelingt. Ich habe meine Heimat damals verlassen, weil dort drei Nationalitäten nicht auf engem Raum zusammenleben konnten. Als ich nach Deutschland kam, war ich positiv überrascht, so viele Menschen verschiedenster Herkunft auf den Straßen zu sehen. Diese Vielfalt empfinde ich als bereichernd. Es ist egal, aus welchem Land jemand kommt – entscheidend ist, dass man sich respektiert und sich Mühe gibt, auf den anderen zuzugehen.

BAskets Day an diesem Samstag

Mladen Drijencic (52) lebt und arbeitet seit 2010 in Oldenburg. Nachdem sich die Baskets im März 2015 von Sebastian Machowski getrennt hatten, stieg der Deutsch-Kroate vom Nachwuchstrainer zum Chefcoach des Bundesligateams auf. Wenige Wochen später gewann Drijencic mit Oldenburg in eigener Halle den deutschen Pokal. In der abgelaufenen Saison führte der gelernte Maschinenbautechniker die Baskets zur Vizemeisterschaft. Sein Vertrag gilt noch bis zum Sommer 2018. An diesem Samstag präsentiert sich Drijencic’ Mannschaft den Fans beim Baskets Day. Die große EWE-Arena ist ab 13.30 Uhr geöffnet. Das Testspiel gegen Den Bosch beginnt um 15.30 Uhr. Die Bundesliga-Saison 2017/18 beginnt für Oldenburg eine Woche später (Samstag, 30. September/18 Uhr) bei der BG Göttingen.

Sie sind bald 25 Jahre mit Ihrer Frau Zeljka verheiratet, sie sind Eltern von drei Kindern. Was bedeutet Familie für Sie?

DrijencicSie gibt mir Halt. Bei meiner Familie kann ich mich freuen oder von Rückschlägen erholen – meine Frau und meine Kinder machen da einen großartigen Job. Wenn ich Freizeit habe, versuche ich im Gegenzug, meine Aufgaben im Haushalt nicht zu vernachlässigen. (lacht)

Die da wären?

Drijencic Rasen mähen, Bilder aufhängen, Dinge reparieren – solche Sachen. Das macht mir Spaß. Außerdem bringe ich unseren Kleinsten jeden Morgen zum Kindergarten und hole ihn auch wieder ab. Das sind meine Aufgaben, die ich gern wahrnehme. Meine Frau und ich haben zudem ein festes Ritual: Wenn ich morgens vom Kindergarten zurück bin, setzen wir uns hin und trinken einen Kaffee zusammen. Wenn ich vom Vormittagstraining zurück bin, so um halb eins, trinken wir wieder einen Kaffee. Das ist etwas, was uns sehr wichtig ist und was wir uns nicht wegnehmen lassen.

Wenn sie dann so beim Kaffee zusammensitzen – wird dann über Basketball gesprochen?

Drijencic(schmunzelt) Meine Frau hat sich daran gewöhnt, dass Basketball im Haus ein großes Thema ist (Sohn Robert spielt im Pro-B-Team der Baskets, Anm. d. Red.). Sie ist ja bei vielen Heimspielen in der Halle und ist für mich ein guter Ansprechpartner – und Kritiker.

Wie darf man sich das vorstellen?

DrijencicNa ja. Zeljka sagt schon deutlich ihre Meinung. Es kommt zum Beispiel vor, dass sie mich fragt, warum ich einen bestimmten Spieler nicht mehr eingesetzt habe. Für mich sind das sehr interessante Gespräche – weil es hilft, zu hören, wie jemand aus einem anderen Blickwinkel eine Situation beurteilt. Außerdem achtet meine Frau auf mein Styling. Wenn bei Spielen im europäischen Wettbewerb meine Krawatte nicht richtig sitzt, bekomme ich anschließend Ärger mit ihr. (lacht)

Ihr Job bringt es mit sich, dass Sie häufig von Ihrer Familie getrennt sind. Fällt Ihnen das schwer?

DrijencicSehr schwer, das muss ich zugeben. Wenn ich meine Tasche packe und das Haus verlassen muss – das ist jedes Mal der schwierigste Moment. Sobald ich die Tür hinter mir zugemacht habe, bin ich zu 100 Prozent Basketball-Trainer. Aber kurz vorher muss ich mich schon überwinden und mir drei- oder viermal sagen: Komm jetzt.

Gibt es Parallelen zwischen dem Zusammenleben innerhalb einer Familie und dem in einer Basketball-Mannschaft?

DrijencicJa, ich denke schon. Ein Beispiel: Wenn bei uns zu Hause am Tisch das Salz fehlt, stehen nicht ich oder meine Frau auf, sondern das jüngste Kind. Diese Kleinigkeiten, die etwas mit Rollenaufteilung und Hierarchie zu tun haben, gibt es auch in einer Mannschaft. Beim Essen im Hotel etwa ist klar, dass nicht der jüngste Spieler als erstes zum Büffet geht. Genauso klar ist, dass die Bälle nach dem Training nicht von Rickey Paulding weggeräumt werden.

Mehrere Spieler haben mir in den vergangenen Jahren erzählt, dass sie in Ihnen eine Vaterfigur sehen.

Drijencic Basketballprofis sind ziemlich früh weg von zu Hause und vermissen die Heim- und Familiensituation. Wenn ich als Ansprechpartner für irgendwelche private Probleme dienen kann, bin ich bereit, das zu machen – um ihm das Gefühl zu geben, dass wir so etwas wie eine Familie sind und nicht nur eine Gruppe, die morgen wieder auseinandergeht. Wenn mir meine Spieler nach einer Saison sagen, dass sie das Jahr nicht nur wegen des Sports niemals vergessen werden, löst das bei mir eine tiefe Zufriedenheit aus.

Nicht alle Akteure entwickeln sich so wie gewünscht. In Dominic Lockhart und Jan Niklas Wimberg haben zwei sehr talentierte, junge Spieler den Club verlassen. Warum haben sie den Durchbruch nicht geschafft?

DrijencicNatürlich frage ich mich, ob ich bei den beiden etwas anders hätte machen können. Wahrscheinlich. Aber letztendlich bin ich der Meinung, dass ein Spieler ab einem gewissen Alter selbst dafür verantwortlich ist, ob er es schafft oder nicht. Wir haben ein sehr gutes Nachwuchsprogramm, unsere Jugendspieler werden technisch und taktisch hervorragend ausgebildet. Das allein reicht aber nicht, um sich als Profi in der Bundesliga zu etablieren. Auf dem Parkett musst du mutig sein, darfst keine Angst zeigen. Diese mentale Komponente ist entscheidend.

Ist es in einem Club wie Oldenburg vielleicht gar nicht möglich, Talente zu gestandenen Bundesliga-Profis zu entwickeln, weil der Erfolg sonst in Gefahr gerät?

Drijencic(überlegt lange) Das ist eine schwierige Frage. Zunächst: Dominic Lockhart hat in der vergangenen Bundesliga-Saison durchschnittlich zehn Minuten Einsatzzeit erhalten. Ich finde das nicht wenig, gerade auf der Point-Guard-Position. Und wir hatten Erfolg. Grundsätzlich ist es so, dass ich als Trainer die Verantwortung für den gesamten Standort mit all seinen Mitarbeitern trage.

Die Erwartungshaltung in Oldenburg ist eine andere als etwa in Frankfurt.

DrijencicDer Anspruch des Clubs ist, jedes Jahr die Playoffs zu erreichen. Deswegen steht für mich an erster Stelle, eine Mannschaft zu formen, die erfolgreichen Basketball spielt. Gleichzeitig setze ich auf die These: Individuelle Verbesserung verbessert auch das Team. Mit der Verpflichtung von Elvir Ovcina haben wir das Trainerteam erweitert, damit wir gerade die jungen Spieler noch besser fördern können. Aber noch einmal: Im Spiel ist jeder Akteur für seine Leistung selbst verantwortlich.

Zur Liga: Bamberg und München sind den restlichen Clubs finanziell weit enteilt. Besteht für die Baskets da überhaupt noch eine realistische Chance, einmal wieder Meister zu werden?

DrijencicRealistisch betrachtet? Nein. Anderseits ist im Sport nichts unmöglich – die vergangene Saison ist doch das beste Beispiel. Vor dem ersten Spieltag hat uns kein Experte im Finale gesehen, wir haben es trotzdem bis dahin geschafft.

Als Sie vor zweieinhalb Jahren Cheftrainer der Baskets wurden und kurz darauf den Pokal gewannen, sprachen Sie von einem „Märchen“. Wie viele Kapitel hält dieses Märchen noch bereit?

Drijencic(lacht) Jetzt freue ich mich erst einmal auf das nächste Kapitel, meine dritte komplette Saison als Baskets-Coach. Wie dick das Buch noch werden wird, kann ich aber nicht sagen. Dafür ist der Profisport zu schnelllebig.