Oldenburg - Volleyballer sind wendige Sportler. Ob Zählweise, Spielmodus, Spielwertung, technische Änderungen: Kaum eine Sportart hat so viele Variationen erlebt, Eishockey vielleicht ausgenommen. Auch die neue Drei-Punkte-Regelung hat ihre erste Saison hinter sich gebracht. „Es hat überhaupt keine Komplikationen gegeben“, bilanziert Ralf Gewald, der Geschäftsführer der Region Oldenburg. Wirklich?
Bis 2013 wurden im Volleyball Spiele gewertet wie im Handball oder Basketball. Für einen Sieg wurden 2:0 Punkte gutgeschrieben, für eine Niederlage 0:2. Dann orientierten sich die deutschen Volleyballer an Nachbarn wie Frankreich, Polen oder Italien und verteilten die Punkte für die Tabelle wie im Eishockey: Drei Punkte für einen Sieg mit 3:0 oder 3:1 Sätzen, zwei Punkte für einen 3:2-Sieg (was im Eishockey der Verlängerung entspräche), ein Punkt für eine 2:3-Niederlage, kein Punkt für 1:3 oder 0:3.
„Es gab vorweg keine Kritik an der Neuerung“, sagt Gewald: „Und jetzt nach Abschluss der Saison auch kein Echo.“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Volleyballer sind eben innovativ. Sie sagen: Es ist so, also machen wir es so.“
Spricht man mit Volleyballern, nicken sie zustimmend: „Die Punktverteilung ist gerechter geworden, auch wenn dieses ganz spannende Alles-oder-Nichts beim Tiebreak weggefallen ist.“ So vergleichen die Spieler kaum die alte mit der neuen Wertung.
In einigen Ligen führt es aber zu verblüffenden Resultaten. Beispiel: Dritte Liga West der Männer. Da wäre nach der ehemaligen Zwei-Punkte-Wertung nicht SF Aligse mit 30:6 Meister geworden (offiziell aber 47 Punkte), sondern Zweitliga-Absteiger VCB Tecklenburger Land mit 32:4 (offiziell 45). Und anstelle des ASC Göttingen (alt 10:26/neu 13) müsste der VfL Lintorf absteigen (8:28/14).
Auch Trainer Torsten Busch von der VSG Ammerland traute seinen Augen nicht. Sein Team wurde Sechster mit 23 Punkten, Alemannia Aachen Dritter mit 35. Nach der abgeschafften Wertung lägen beide Vereine mit 18:18 gegen 20:16 aber fast gleichauf.
Das habe ihn „schon ziemlich verblüfft“, aber er kennt auch des Rätsels Lösung: „Aachen hat sieben Tiebreaks gespielt und davon sechs verloren. Wir haben aber fünf von sechs gewonnen.“ Dafür erhielt Aachen statt 2:12 „alten“ acht „neue“ Punkte, die Ammerländer aber statt 10:2 nur elf Zähler, also im Vergleich zu Aachen nur drei statt acht Punkte mehr.
Die neue Wertung ist akzeptierter Fakt. Diskussionen wird sie wohl nur noch im folgenden Fall anstoßen: In einer Vierergruppe könnte eine Mannschaft alle drei Spiele gewinnen – und trotzdem nur Zweiter hinter einem Team werden, das ein Spiel verloren hat. Drei Siege mit 3:2 bringen sechs Punkte – zwei Siege mit 3:1 und eine Niederlage mit 2:3 aber sieben Zähler. Diese Konstellation liegt gar nicht so abseitig. In EM- und WM-Qualifikationen wird häufig in Vierergruppen gespielt. Und den genannten Turnierverlauf hat es schon gegeben . . .
