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NWZonline.de Sport Basketball

Was ich Dirk Nowitzki schon immer schreiben wollte

19.06.2018

Lieber Dirk Nowitzki,

erinnerst du dich noch? Als du sieben Jahre alt warst und auf dem Schulweg nasse Wiesen meiden solltest, weil dort radioaktiver Regen niedergegangen sein könnte? Und Milch trinken durftest du auch nicht. Oder als du mit elf Jahren mit deinen Eltern gebannt vor dem Fernseher saßt? Darin waren Trabants und Wartburgs zu sehen, die an Grenzhäuschen vorbei tuckerten und Reporter, die jubelnde Menschen fragten, was sie mit 100 Mark Begrüßungsgeld anfangen wollten. Und dann, mit gerade 18 Jahren, hast du deinen Führerschein gemacht. Nur wenige Tage später schoss Oliver Bierhoff ein Golden Goal im EM-Finale gegen Tschechien – du hast es aber nicht rechtzeitig vor den Fernseher geschafft und diesen historischen Moment im Autoradio miterlebt.

Ich weiß nicht, ob du diese Ereignisse genau so erlebt hast. Ich habe sie so erlebt. Und ich gehe davon aus, dass es bei dir zumindest ähnlich war. Wir beide, du in Würzburg, ich 500 Kilometer weiter nördlich, teilen nämlich einen großen Teil der Entwicklung miteinander. Als dein Startschuss ins Leben gerade verhallt war, knallt es bei mir. Zwei Tage Vorsprung hattest du – und hast daraus eine Menge mehr gemacht. Mit 40 Jahren ist es jetzt Zeit, Bilanz zu ziehen.

Eines schicke ich mal vorweg: Ich bin ein glücklicher Mensch. Meine Arbeit macht mir Spaß und ich kann davon sogar ganz gut leben. In meiner bescheidenen Doppelhaushälfte lebe ich mit meiner Frau und zwei Jungs im Kindergarten- und Grundschulalter, ohne die ich mir ein Leben nicht mehr vorstellen möchte. Meine Beziehung zu meinen Eltern ist hervorragend, die Familie meiner Frau ist zu meiner geworden – und wenn ich Freunde brauche, weiß ich, bei wem ich mich melden kann. Es gibt also keinen Grund zu einer Neiddebatte. Ich bin nicht neidisch und möchte mit niemandem tauschen.

Und dennoch möchte ich einmal die Frage formulieren: Wann haben sich unsere Lebenswege eigentlich getrennt? Konkreter: Wann hast du angefangen, dich zu einem weltbekannten Multimillionär zu entwickeln, der sein Hobby zum Beruf machen konnte – und ich habe einfach den Weg ins ambitionierte Mittelmaß gesucht?

Angefangen haben wir wohl unter denselben Voraussetzungen: Es ist davon auszugehen, dass ich in einem sportlichen Duell wohl nie so hohe Chancen hatte, gegen dich zu bestehen, wie im Sommer 1979. Mit elf Monaten habe ich meine ersten Schritte getan. Das ist relativ früh. Wenn ich davon ausgehe, dass du eventuell erst ein paar Wochen später dran warst, wäre ich dir damals wohl davon gerannt. Da es eher unwahrscheinlich ist, dass du schon damals ein für das Alter außergewöhnlich feines Ballgefühl gehabt hast, hätte ich vielleicht auch mit einem Ball in der Hand gegen dich gewonnen. Vorausgesetzt, Ziel des Spiels wäre ein erfolgreicher Wurf an den Kopf des Gegners gewesen.

Wahrscheinlich begann auf diesem potenziellen Höhepunkt meiner sportlichen Dominanz über Dirk Nowitzki aber auch schon mein Ab- und dein schier unaufhaltsamer Aufstieg. Denn dir war der sportliche Erfolg – wenn auch nicht zwangsläufig auf diesem hohen Niveau – in die Wiege gelegt: Deine Eltern waren erfolgreiche Athleten, die landes- bzw. bundesweit für Aufsehen gesorgt haben. Ein großer Teil deiner frühen Kindheit fand auch in Sporthallen statt. Ich habe Sporthallen allenfalls beim Kinderturnen erlebt. Da habe ich mein Bestes gegeben. Und viel geweint.

In der Schulzeit musste ich auch am Sportunterricht teilnehmen. Weil ich flüssiger lesen, schneller buchstabieren und sehr gut rechnen konnte, haben mich die Schüler, die in diesen Disziplinen eher nicht zu den Besten gehörten, erst sehr spät in ihre Mannschaften gewählt. Vielleicht auch deshalb, weil ich Bälle weder werfen noch fangen konnte, mich als Torwart hinter die Torlinie gestellt habe und beim 50-Meter-Lauf erst dann ins Ziel kam, als die Klassenbesten schon vor der Umkleidekabine mit den Mädchen flirteten.

Du hingegen hast die sportlichen Voraussetzungen genutzt und im Tennis, Handball und Basketball früh auf dich aufmerksam gemacht. Unsere sportlichen Wege trennten sich also früh.

Und dennoch hätten wir beide nach dem Abitur mit 19 Jahren und der Zeit beim Bund (du) bzw. im Altenheim (ich), nach Orientierung und einem Ziel suchend, ein Studium aufnehmen und anschließend einen „normalen“ Beruf ergreifen können. In Ermangelung sportlichen Talents und Ehrgeizes musste ich diesen Weg gehen (und, noch einmal: Daran gibt es nichts zu bereuen) – dir hatten sich in der Zwischenzeit andere Türen geöffnet.

Schon in deinen Jugendjahren erkannten deine Trainer und dein jahrelanger Förderer Holger Geschwindner dein Talent. Zum Glück warst du ehrgeizig und zielstrebig, denn diese Kombination hat dir den Weg in den Basketball-Olymp geebnet. Als ich mein Studium begann, hast du gerade deine ersten Gehversuche in der NBA unternommen. Unsere Leben waren schon jetzt so weit weg voneinander. Kein bisschen ist übrig geblieben von meinem glänzenden Sommer 1979.

Doch ich tat mein Möglichstes: In der Zwischenzeit habe ich nämlich tatsächlich selbst den Ball in die Hand genommen. Die fehlenden Grundlagen der Kindheit machten sich zwar immer bemerkbar, aber zumindest gab auch ich beim Basketballspielen mittlerweile eine Figur ab. Wenn auch nicht immer eine gute. Meine Karriere-Highlights: ein Drei-Punkt-Spiel in meiner einzigen Kreisliga-Saison und zwei verwandelte entscheidende Freiwürfe in letzter Sekunde bei einem Mixed-Turnier in Schottland. Zu dem Zeitpunkt warst du schon MVP der weltbesten Basketball-Liga. Eines war nun klar: Sportlich hole ich dich nicht mehr ein.

Und während du Punkt um Punkt und Dollar um Dollar in den USA sammeltest, habe ich bei der NWZ angefangen und eine Familie gegründet. Was das angeht, war ich sogar schneller als du: Mein erstes Kind wurde 2011 geboren, deins erst 2013. Aber ich will meine Kinder nicht benutzen, um anzugeben. Außerdem hast du mittlerweile drei Kinder und ich nur zwei. Also auch in der Statistik hast du die Nase vorn.

Nun sind wir beide 40. Wie fühlt sich das für dich an? Ich muss sagen: überhaupt nicht schlimm. Eigentlich sogar ganz gut. Erst recht, wenn man bedenkt, wie ich vor zehn Jahren darüber gedacht habe. Bei dir fängt ja mit 40 vermutlich eine ganz neue Zeit an. Denn in einem Jahr wirst du deine Karriere schon beendet haben – und dann hast du eine Menge Zeit, Geld und viele schöne Erinnerungen. Zeit und Geld könnten bei mir gerne etwas mehr sein. Erinnerungen an tolle 40 Jahre habe ich auch. Da sind wir uns wieder ganz nah.

Alles Gute für die Zukunft wünscht dir
Christian Schwarz

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Christian Schwarz
Redakteur
Online-Redaktion
Tel:
0441 9988 2160

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