Oldenburg - Philipp Neumann atmet ganz tief durch, bevor er zum Korb aufsieht. 6,4 Sekunden sind im Finale um den deutschen Basketball-Pokal noch zu spielen, als der 23-Jährige für die EWE Baskets Oldenburg an die Freiwurflinie geht. Seine Mannschaft führt gegen Bamberg mit einem Punkt Vorsprung, die Luft in der Halle ist zum Zerreißen gespannt. Die Augenpaare von 6000 Menschen sind auf ihn gerichtet; Bambergs Fans toben, Oldenburgs Anhänger halten den Atem an.
Dann großer Jubel, der erste Freiwurf sitzt. 72:70. Dann Entsetzen, der zweite geht daneben, Bamberg mit der Chance auf den Sieg – vorbei! Oldenburg ist Pokalsieger! Die große EWE-Arena wird zum Tollhaus, Neumann springt wie ein Flummi über das Parkett und brüllt seine Freude nur so heraus. Dann überkommen ihn die Emotionen. Als er im Arm des Center-Kollegen Adam Chubb liegt, kann er seine Freudentränen nicht mehr zurückhalten.
„Ich habe ihm gesagt, dass er sich diesen Erfolg verdient hat. Er ist ein so harter Arbeiter und hat uns an diesem Wochenende so sehr geholfen“, berichtete der 33-jährige Chubb am Montag beim Empfang im Oldenburger Rathaus vom intimen Zwiegespräch der beiden „big guys“ (großen Jungs) der Baskets. Als Neumann am Sonntag nach dem Finale vor die Journalisten trat, waren seine Augen noch immer etwas gerötet. „Das ist mein erster Pokalsieg mit Spielzeit. Deshalb ist das etwas ganz Besonderes für mich“, erklärte er. Mit Bamberg hatte Neumann in den Jahren zuvor bereits Pokalsiege und Meisterschaften geholt, war dabei aber kaum zum Einsatz gekommen.
Vor allem aufgrund der unbefriedigenden sportlichen Situation entschied er sich im Dezember 2013 nach vier Jahren im Frankenland zum Wechsel nach Oldenburg. Im Norden nahm Neumann wie von ihm erhofft eine größere Rolle ein, stand aber dennoch immer klar im Schatten von Chubb. Bis zu diesem Pokal-Wochenende.
Weil Chubb kurz vor dem Turnier mit Fieber mehr Zeit im Bett als sonstwo verbrachte, schlug beim Top Four Neumanns große Stunde. Im Halbfinale gegen Bonn am Sonnabend ließ Trainer Mladen Drijencic den 2,08-Meter-Mann von Beginn an aufs Parkett und dieser zahlte das Vertrauen mit einer bärenstarken Vorstellung zurück. 13 Punkte und sieben Rebounds in 18 Minuten Einssatzzeit standen für Neumann am Ende zu Buche – noch viel wichtiger als die nackten Zahlen war der Wille und Kampfgeist, mit dem der 23-Jährige nach einer ganz schwachen ersten Oldenburger Halbzeit die Fans und Teamkollegen mitriss.
„Nach dem Spiel gegen Bonn habe ich mich dann noch mit meinen Eltern und meiner Freundin getroffen. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben“, sagte Neumann, der im Endspiel seine erstklassige Vorstellung aus der ersten Begegnung bestätigte. Gegen die athletischen Bamberger ackerte der gebürtige Kölner unter dem Korb wie ein Löwe, gab keinen Ball verloren und erzielte insgesamt zwölf Zähler in 19 Minuten. Die wichtigsten davon markierte er in den letzten Minuten, als er immer wieder an die Freiwurflinie geschickt wurde. Neumann behielt die Nerven, der kleine Wackler beim letzten Versuch fiel nicht mehr ins Gewicht. Von Routine konnte dabei aber keine Rede sein, betonte Neumann: „Das war das erste Mal für mich, dass ich ein Spiel an der Linie mitentschieden habe.“
Das Lob vom Kapitän ließ nicht lange auf sich warten. „Philipp hat uns viel Energie gegeben und am Ende die wichtigen Punkte gemacht – ich freue mich sehr für ihn“, meinte Rickey Paulding über seinen Mitspieler, der für viele der Garant für den Pokalsieg war.
Nach dem Finale posierte Neumann mit zwei Fans für ein Foto – diese hielten in ihren Händen ein Pappschild mit der Aufschrift „MVP Neumann“. MVP steht für „most valuable player“, zu deutsch wertvollster Spieler – und genau das war Neumann an diesem Wochenende.
