ALTENOYTHE - Zwölf amtierende Kultusminister hat der Pädagoge Hermann Reiners (65) aus Altenoythe während seiner jahrzehntelangen Dienstzeit als beamteter Lehrer erlebt. Zwölf Dienstherren, die jeder für sich eigene Vorstellungen von Schulpolitik entwickelten und eigene Schulreformen auf den Weg gebracht haben. Reformen, die nicht selten zu Elternprotesten führten und den Schulfrieden ins Wanken brachten. Das war auch an der Schule in Altenoythe so, erinnert sich Hermann Reiners zurück.
Streit wegen Bösel
Damals, als landesweit die umstrittenen Orientierungsstufen (OS) eingeführt wurden, erlebte Hermann Reiners als Lehrer an der Hauptschule Altenoythe einen ersten Elternstreik: 1973 gab es im benachbarten Bösel nicht genügend Schülerinnen und Schüler, um dort eine OS zu begründen. Also sollten die Böseler Jungen und Mädchen täglich zur OS an der Hauptschule in Altenoythe gefahren werden. Das brachte die Eltern auf die sprichwörtliche Palme sie streikten und schickten ihre Kinder zeitweise nicht nach Altenoythe. 1981 war das Thema dann erledigt, als Bösel doch noch eine eigene Orientierungsstufe einrichten durfte. Hermann Reiners: Die Schüler aus Bösel kamen zum Teil sehr widerwillig zu uns. Wir hatten damit zu kämpfen, die Schüler für uns zu gewinnen.
Jahre später stand die Altenoyther Schule erneut im Fokus der Schulpolitik. Diesmal wollte die Stadt Friesoythe die Schuleinzugsgrenzen ändern; Haupt- und OS-Schüler aus den Orten im Stadtwesten sollten auf die Altenoyther Schule geschickt werden, statt auf die Friesoyther Hauptschule.
Großdemo der Eltern
Nach einer Großdemonstration der Eltern in Friesoythe knickten die kommunalen Schulpolitiker ein. Im Ergebnis mussten sich auch Schüler aus Friesoythe auf den Weg nach Altenoythe machen. Der Schulfrieden war wieder hergestellt.
Bis vor gut acht Jahren der Altenoyther Schulstandort wieder eine wichtige Rolle spielte und die lokalen Schlagzeilen beherrschte: Die Stadt Friesoythe wollte die beiden Hauptschulen Altenoythe und Friesoythe am Standort Friesoythe fusionieren. Dagegen wehrte sich die Altenoyther Schule mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Mit Erfolg. Die Schulpolitiker zogen erneut zurück, nachdem das Kultusministerium aus Hannover professionelle Schlichter geschickt hatte. Der Standort Friesoythe wurde aufgelöst und Altenoythe damit als einzige verbleibende Hauptschule im Mittelzentrum Friesoythe erheblich gestärkt. Hermann Reiners: Das war die richtige Entscheidung, denn in Friesoythe gab es viel zu wenig Platz. Für unsere Hauptschule hat diese politische Wegweisung viele positive Folgen gehabt.
Mehrfach ausgezeichnet
Als Heinrich-von-Oytha-Hauptschule hat die Bildungseinrichtung sich einen guten Ruf erarbeitet. Die Aktivitäten der mehrfach ausgezeichneten Schule sind inzwischen auch wesentlicher inhaltlicher Bestandteil der Städtepartnerschaft mit dem polnischen Swiebodzin. Der jährliche Schüleraustausch ist dafür ein deutlicher Beleg.
Die Politik hat uns immer in Bewegung gehalten, sagt Hermann Reiners. Leidtragende seien stets die Schülerinnen und Schüler. Reiners: Und das bleibt so, solange die Politiker glauben, sie seien schlauer als die Lehrer. Das bezieht der Altenoyther Schulleiter auch auf die aktuelle landesweite Debatte um die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu Oberschulen. Das mache dort durchaus Sinn, wo es sich um kleine Einheiten handele. Aber eine Fusion von Haupt- und Realschule in Friesoythe machen hingegen wenig Sinn. Reiners: Das wäre ein viel zu großes System, ein irrsinniges System sogar. Da kämen wir dann auf insgesamt 1200 Schüler, 350 von der Hauptschule, der Rest von der Realschule.
Eine Oberschule in Friesoythe müsste dann nach Ansicht von Hermann Reiners zwangsläufig an zwei Standorten geführt werden in Friesoythe und in Altenoythe. Reiners: Aber dann haben wir sofort wieder die Diskussion um eine Neuordnung der Schuleinzugsgrenzen. Das kann doch niemand wollen, der pädagogisch denkt. Das Angebot einer Hauptschule am Standort Altenoythe mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung müsse erhalten bleiben, weil sich zur Zeit für die Stadt Friesoythes kein anderes System wirklich anbiete.
Ausbildung wichtig
Mit 350 Schülerinnen und Schülern zählt die Heinrich-von-Oytha-Hauptschule heute zu den größten Hauptschulen in Niedersachsen gemessen an der Einwohnerzahl der Stadtgemeinde Friesoythe. Die Hauptschüler sind bei uns bestens versorgt, meint Hermann Reiners. Und weiter: Wir entlassen unsere Schülerinnen und Schüler nicht in die Arbeitslosigkeit, sondern in die Ausbildung.
Am 31. Januar endet für den Pädagogen Hermann Reiners die aktive Zeit als Lehrer. Dann beginnt sein Ruhestand. Auf eine persönliche Bilanz als Lehrer und langjähriger Schulleiter in Altenoythe angesprochen, antwortet Reiners: Ich bin eigentlich immer mehr vom Lehrer und Wissensvermittler zum Berater für die Schüler geworden. Immer öfter sind Schülerinnen und Schüler wegen privater Probleme daran gehindert, dem Unterricht in der Schule so aufmerksam zu folgen, wie es erforderlich ist. Dabei gerate er zwangsläufig immer öfter in die Rolle des Sozialarbeiters. Hermann Reiners: Nicht alle Schüler verfügen über ein wirklich intaktes Elternhaus. Das ist auch einer der Gründe, warum wir in Altenoythe Ganztagsschule sind, einen Mittagstisch anbieten und auch am Nachmittag Angebote in der Schule haben.
Seinem Nachfolger wünscht Hermann Reiners vor allen Dingen Ruhe im Schulalltag und wenig Veränderungen durch die Schulpolitik. Die Schule müsse Zeit haben, sich selbst zu entwickeln.
Hilfe für Kinder
So ganz lässt ihn die Pädagogik jedoch nicht los. Ab dem 1. Februar will sich Hermann Reiners verstärkt um die Interessen des im vergangenen Jahr von ihm mitgegründeten Vereins Jedem Kind eine Chance kümmern. Dort ist er der erste Vorsitzende. Der Verein will finanziell schwachen Familien und deren Kinder helfen, nicht nur mit finanziellen Zuwendungen, sondern vornehmlich mit regelmäßiger Hilfe zur Bewältigung des Alltags. Da kann ihm dann auch kein Kultusminister mehr reinreden.
