Frau Seide, seit 2013 betreiben Sie zusammen mit Danielle Graf im Internet den Blog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“. Warum haben Sie angefangen, neben Beruf und Kindererziehung auch noch über das Leben mit Kindern zu schreiben?
SeideDanielle Graf und ich haben uns im Internet in einem Elternforum kennengelernt. Dort stellen Mütter und Väter Fragen zu ihren Kindern, und andere Mütter oder Väter beantworten diese nach bestem Wissen und Gewissen. Nach einer Weile legten uns die anderen Userinnen nahe, doch unbedingt zusammen ein Buch über Kinder zu schreiben, weil unsere Antworten immer als sehr wertvoll wahrgenommen wurden. Da haben wir beschlossen, es erst einmal in einem Blog auszuprobieren.
Hätten Sie zu Beginn ihrer Autorenkarriere damit gerechnet, dass sie fünf Jahre später schon zwei Bücher veröffentlicht haben und ein drittes schreiben?
Katja Seide besucht an diesem Montag, 5. Februar, die Oberschule Bookholzberg. Los geht es in der Mensa an der Stedinger Straße 5 um 19.30 Uhr. Karten gibt es für 2 Euro an der Abendkasse.
Die Autorin und Sonderpädagogin gibt an diesem Abend humorvolle Tipps zum Thema „Trotzphasen“. Sie erklärt aber auch Hintergründe, die es Eltern leichter machen sollen, gelassen durch die trotzigen Phasen ihrer Kleinkinder zu kommen.
Im Gepäck hat Katja Seide das Buch „Entspannt durch die Trotzphasen“ und dessen Nachfolger „Gelassen durch die Jahre 5 bis 10“, die sie zusammen mit Danielle Graf geschrieben hat. Beide arbeiten gerade an ihrem dritten Buch, welches sich mit Geschwistern beschäftigt.
Das zweite Buch erscheint offiziell am 5. März und wird wie sein Vorgänger vom Verlag Beltz verlegt.
SeideNein, dass sich das so entwickeln würde, hätten wir nie gedacht.
Schaut man sich ihren Blog, ihre Facebook-Seite oder ihren Twitter-Account an, können Sie sich vor Kommentaren teilweise kaum retten. Spielen Soziale Netzwerke für heutige Eltern eine so große Rolle?
SeideJa, ich denke, das kann man so sagen. In den Sozialen Netzwerken findet jeder seine persönliche Wahl-Familie von Leuten, die ähnlich erziehen. Früher war es das sprichwörtliche Dorf, das ein Kind erzogen hat, heute ist es der Online-Clan. Das „richtige Leben“ da draußen findet natürlich trotzdem noch statt.
Sie sprechen sich in ihren Büchern für eine bedürfnisorientierte Erziehung aus. Was bedeutet das im Umgang mit trotzigen Kindern?
SeideEs bedeutet, hinter dem anstrengenden Verhalten eines Kindes – und auch eines Erwachsenen – nach dem Bedürfnis zu suchen, und dieses dann zu erfüllen, statt immerzu mit dem Kind zu kämpfen. Vielleicht erkläre ich das am besten mit einem Beispiel: Ein Kind, welches abends immer wieder aus seinem Zimmer kommt und die Eltern im Wohnzimmer stört, will nicht das Schlafen hinauszögern, sondern sein Bindungsbedürfnis befriedigen. Gut an ihre Eltern gebundene Kinder verspüren nämlich in beängstigenden Situationen ein inneres Ziehen zu ihrem sicheren Hafen, in dessen Schoß sie dann durch Kuscheln den Stress abbauen können. Einschlafen ist für unser evolutionär geprägtes Hirn immer noch mit Gefahr verbunden. Wenn das Kind dabei alleine ist, wird der Bindungsdrang eben aktiviert. Eltern, die bedürfnisorientiert erziehen, würden dann in einer solchen Situation Wege finden, die sowohl das Bedürfnis des Kindes nach Nähe, als auch das Bedürfnis der Eltern nach Entspannung und Ruhe ermöglichen.
Welche Wege wären denn das zum Beispiel?
Seide Die Erwachsenen könnten immer wieder von selbst ins Zimmer des Kindes gehen, und zwar bevor sich das Bindungsbedürfnis wieder meldet, so dass das Kind liegen bleiben kann, weil Mama und Papa immer wieder nach ihm sehen. Oder sie könnten, wenn das die Wohnung hergibt, die Türen offen lassen, so dass das Kind seine Eltern im Wohnzimmer hören kann. Oder ein Elternteil könnte sich zu dem Kind ins Bett legen, und vielleicht auf dem Handy ein Buch lesen, oder sogar einen Film gucken. Oder mal ganz ungewöhnlich gedacht: Das Kind könnte bei Mama und Papa im Wohnzimmer bleiben und dort auf der Couch einschlafen und dann später ins Bett getragen werden. Das ist in anderen Kulturen normal – also warum nicht, wenn es für die individuelle Familie so passt.
Elterlicher Humor ist für Sie besonders wichtig. Nun quengelt das Kind an der Supermarktkasse, die anderen Kunden gucken genervt. Wie soll man da noch humorvoll sein?
SeideIch fürchte, solche Situationen kann kaum ein Elternteil mit Humor nehmen. Wenn ein Kind vorm Süßigkeitenregal weinend zusammenbricht, weil die Mama Nein zum Kauf der Bonbons gesagt hat, dann ist daran nichts Lustiges. Aber vielleicht kann man stattdessen mit dem Kind mitfühlen. Denn es ist ja schon ziemlich doof, wenn man gerne leckere Bonbons haben will, aber noch zu klein ist, um sie zu kaufen und derjenige, der sie kaufen könnte, das einfach nicht macht. Diese Gefühle der Trauer und der Wut, die können sehr überwältigend sein – ich glaube, das kennen auch Erwachsene. Wenn man also mitfühlen kann, wie blöd das gerade für das Kind ist, und nicht denkt, es will uns mit seinem Wüten irgendwie erpressen, dann ist man als Elternteil in solchen Situationen sehr viel entspannter.
Sind es immer die Kinder, die trotzig sind oder kann man nicht manchmal auch von trotzigen Eltern sprechen?
SeideIch behaupte sogar: Die allermeisten stressigen Situationen mit Kleinkindern treten nur deshalb auf, weil die Erwachsenen trotzig sind. Sie bestehen zu starr auf ihren Wünschen, weil sie Angst haben, das Kind wolle sie manipulieren, oder seine Grenzen austesten oder würde sonst zum Tyrannen. Mit etwas Entgegenkommen durch die Erwachsenen lösen sich aber fast alle Problemsituationen schnell auf. Das heißt nicht, dass man dem Kind immer „seinen Willen“ lassen soll. Es bedeutet, dass man selbstkritisch schauen sollte, ob man nicht gerade selbst unbedingt seinen Erwachsenen-Willen durchdrücken will.
