Bad Zwischenahn - Wie finde ich den richtigen Beruf für mich? Wie den richtigen Arbeitgeber? Jeder Jugendliche steht irgendwann vor dieser Frage und oft können Schule und Eltern dabei nicht ausreichend helfen. Seit April soll Julie Müller Zwischenahner Jugendliche dabei unterstützen, diese Frage zu beantworten. Gleichzeitig sollen Unternehmen mit ihrer Hilfe Nachwuchs finden. Damit wird das 2017 geschaffene „Zwischenahner Modell“ zum Übergang Schule-Beruf neu belebt.
„Berufsorientierungscoach“, so beschreibt die 37-Jährige ausgebildete Journalistin und Pädagogin ihre Aufgabe. Ihre Stelle gehört zur Gemeindejugendpflege, ihr Büro hat sie an der Oberschule. Seit einem halben Jahr ist sie hier entweder im Gespräch mit Schülern oder zu Besuch bei Firmen.
Welche Erfahrungen sie in diesen sechs Monaten gemacht hat, welche Probleme sie identifiziert hat und wie diese gelöst werden könnten, hat sie am Montag den Lokalpolitikern im Schulausschuss und am Dienstag im Gespräch mit der NWZ erläutert.
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Welche Probleme gibt es |
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Zwei große Bereiche hat Müller in mehr als 100 Schülergesprächen und im Kontakt mit Zwischenahner Betrieben ausgemacht. „Wenn ich Schülerinnen und Schüler frage, wo ihre Stärken liegen, können sie diese Frage nicht beantworten. Sie ist ihnen auch noch nie gestellt worden“, sagt Müller und meint das nicht etwa als Vorwurf an Lehrer. „Es passiert viel, sowohl an der Oberschule als auch am Gymnasium“, sagt sie. Die eigenen Stärken zu erkennen und sie auf die Berufswahl zu übertragen, brauche aber individuelle Beratung mit viel Zeit. „Das ist nicht in 15 Minuten erledigt“, so Müller.
Vom zweiten großen Problem hat Müller in Gesprächen mit Betrieben erfahren, aber auch Schüler bestätigen es. „Die Qualität von Bewerbungen unserer Jugendlichen lässt stark zu wünschen übrig.“ Das sei ihr von vielen Betrieben vermittelt worden, sagt Müller.
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Was ist zu tun |
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Zwei konkrete Projekte hat Müller bereits vorgestellt. An diesem Donnerstag wird es in der Oberschule einen Projektvormittag geben. „Arbeitswelt zum Anfassen“ heißt die Aktion für den 9. Jahrgang der Oberschule. „Acht Betriebe aus Bad Zwischenahn kommen mit ihren Azubis an die Schule, bauen Lernstationen mit Anschauungsmaterial auf und bieten Rollenspiele an“. Die Schülerinnen und Schüler können so an einem Vormittag verschiedene Berufsfelder ausprobieren.
Dem Thema Bewerbungen widmet sich der Wettbewerb „Überflieger“ für den 10. Jahrgang des Gymnasiums Bad Zwischenahn-Edewecht. „Jeder Schüler und jede Schülerin schreibt eine komplette Bewerbung“, erklärt Müller. „Zwölf Betriebe aus der Gemeinde und der Region haben sich sofort bereit erklärt, diese 140 Bewerbungen von ihren Personalern prüfen und nach einem Punktesystem bewerten zu lassen. Die Betriebe erkennen, dass es sich lohnt, dafür Ressourcen zu opfern“, ist Müller überzeugt.
Für die besten Bewerbungen gibt es Preise, Hauptpreis ist ein Rundflug über die Gemeinde. „Oder ein Alternativpreis, weil sich sofort einige Schüler gemeldet haben, die Flugangst haben“, wie Müller sagt. Ihr Ziel ist es, diesen Wettbewerb künftig jährlich zu veranstalten. „Jeder Schüler und jede Schülerin soll die Schule mit kompletten Bewerbungsunterlagen verlassen“, sagt sie.
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Wie geht es weiter |
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Noch ist Julie Müller dabei, sich in der Gemeinde ein Netzwerk aufzubauen, alle ins Boot zu holen, die im Bereich Ausbildung und Berufswahl aktiv sind. Sie hofft, künftig schnell auf dieses Netzwerk zurückgreifen zu können, wenn es darum geht, neue Projekte zu starten. Außerdem will sie in Zukunft die Eltern aktiv in den Prozess der Berufswahl einbinden.
Zwei Jahre hat sie zunächst Zeit dafür – auf diesen Zeitraum ist die Teilzeitstelle bei der Gemeinde befristet. Die ersten Reaktionen im Schulausschuss zeigten aber bereits, dass sich die Fraktionen durch die Bank auch eine Dauerlösung vorstellen könnten. Und auch Jürgen Boy, Leiter der Oberschule Bad Zwischenahn würde nur ungern auf die neue Unterstützung von der Gemeinde verzichten.
