Bösel - Wer kennt sie nicht, die Adventslieder „Tochter Zion“, „Wachet auf, ruft uns die Stimmen“, „Nun kommt der Heiden Heiland“, „Es kommt ein Schiff, geladen“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“. Der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Hermann Gelhaus ging dem bekannten deutschen Liedgut am Dienstagabend im evangelischen Gemeindehaus genauer auf den Grund und erläuterte, dass die Sprache der Advents- und Weihnachtslieder „dichterisch“ sei und reichlich rhetorische Stilmittel genutzt würden.

„Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto interessanter wurde es“, schilderte Professor Gelhaus. Bei dem von Händel vertonten „Tochter Zion“, Text von Friedrich Heinrich Ranke, fragte Gelhaus, wer denn Zion sei? Die Antwort: Tochter Zion sei eine Allegorie für das Volk Israel.

Bei „Wachet auf, ruft uns die Stimmen“ von Philipp Nikolai kommt Zion erneut in der poetisch-rhetorischen Figur für das Volk Israel vor, die diesmal als Braut vorgestellt werde, die auf den Bräutigam, den Messias, warte. Die grundlegende Idee zu diesem Lied sei dem Hohelied Salomos entnommen.

„Nun kommt der Heiden Heiland“ sei das adventliche Hauptlied der Protestanten und wurde von Martin Luther aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt – wenn auch mit „sprachlichen Missgriffen“, so Gelhaus.

Das beliebte Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen“ sei ursprünglich ein Marienlied gewesen. Die Schiffsmetaphorik weise auf den kommenden Erlöser, das Segel stehe für die Liebe Gottes und der Mast für den Heiligen Geist. Es gebe aber auch Deutungen, die Maria in der Metapher des Schiffes erkennen.

Ein Lied voller Rätsel und Geheimnisse sei „Es ist ein Ros entsprungen“, ein Lied mit ursprünglich 23 Strophen. „Jesse“ kommt in der ersten Strophe vor, eine Anspielung auf Isais, den Vater König Davids, aus dem Geschlecht soll laut Lukas-Evangelium auch Jesus kommen.

Begleitet wurde der Vortrag von Heinrich kleine Siemer, der die Lieder an der Orgel zum Klingen brachte.