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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung

An 78 Tagen im Jahr keine Kita

05.01.2019

Berlin /Achim Bundesweit haben Kindertagesstätten das gleiche große Problem: Es fehlt Personal. „Die Lage ist dramatisch schlecht“, sagt Hauptvorstandsmitglied Björn Köhler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Eigentlich bräuchten wir 100 000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.“ Das Bundesfamilienministerium hat die Not erkannt und ein Förderprogramm angekündigt: Ministerin Franziska Giffey (SPD) will die Länder von Sommer 2019 an bis 2022 mit rund 300 Millionen Euro unterstützen, um mehr Kita-Fachkräfte zu gewinnen.

„Vor allem in städtischen Ballungsräumen sind teilweise gravierende Engpässe zu verzeichnen“, sagt eine Ministeriumssprecherin. Eltern bekommen den Mangel an Erzieherinnen und Erziehern deutlich zu spüren. Bundesweit fehlen Kita-Plätze, die Nachfrage nach einem Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren ist deutlich größer als das Angebot.

Aber auch Eltern, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind bekommen haben, spüren die Personalnot: Bundesweit kommt es vor, dass Kitas vorübergehend schließen müssen, weil es bei Krankheitsfällen nicht genug Kräfte gibt, die einspringen können.

In der niedersächsischen Kleinstadt Achim nahe Bremen zum Beispiel hatte eine städtische Einrichtung 2018 solche Personalnot, dass eine Kita-Gruppe für mehrere Monate nur bis 14 Uhr anstatt wie geplant bis 16 Uhr geöffnet war. „Zusätzlich gab es einzelne Schließungstage – immer dann, wenn ich den Betrieb nicht gewährleisten konnte, weil Kolleginnen krank waren“, erzählt Kita-Leiterin Hannelore Lankenau.

Mehrfach habe es nur einen Notdienst gegeben. Grund für die Situation war, dass eine Erzieherin gekündigt hatte und die andere nach der Probezeit nicht übernommen wurde. Die Suche nach einer neuen Fachkraft blieb monatelang erfolglos.

Für die Eltern waren die plötzliche Kürzung der Betreuungszeit und die Schließungstage ein Schock, wie der damalige Vorsitzende des Elternbeirates, Oliver Matthes, erzählt. „Das war katastrophal. Es war ein Gefühl der Ohnmacht und Wut. Viele Eltern fühlten sich von der Stadt alleingelassen.“ Als Notlösung übernahmen zunächst Eltern am Nachmittag die Betreuung für die Kinder in der Einrichtung. Später organisierten die Eltern eine Betreuung durch Verwandte, die teils von weiter weg anreisten. Für Alleinerziehende oder sozial Schwächere sei die Situation besonders hart gewesen, sagt Matthes.

Die Brisanz der Lage zeigen exemplarisch die Zahlen der Stadt Achim zum Kita-Jahr 2017/2018: An 78 Tagen musste diese Kita mit mehreren Gruppen das Betreuungsangebot reduzieren oder schließen.

Einen Grund für den drastischen Fachkräftemangel sieht die Gewerkschaft GEW in der bisherigen Ausbildungssituation. „Ein großes Problem ist nach wie vor die Bezahlung“, sagt Köhler. Eine Erzieherin durchlaufe in der Regel eine vier- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung. In der Vergangenheit mussten viele Auszubildende sogar Schulgeld bezahlen. „Das drückt aus, wie unsere Gesellschaft mit diesen Berufen lange Jahre umgegangen ist.“

Das Bundesfamilienministerium setzt auf das Förderprogramm, das Mitte 2019 starten soll. „Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben“, sagte Ministerin Giffey jüngst. Mit finanzieller Hilfe des Bundes sollen die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dazu gehört, dass mehr Auszubildende eine Vergütung erhalten.

Die Linkspartei hält weitere Maßnahmen zur Aufwertung der Erziehungsberufe für nötig. „Zu einer ernst gemeinten Aufwertung gehört die Anrechnung von Vor- und Nachbereitungszeiten, Fortbildung und Krankheit auf den Betreuungsschlüssel“, sagte Parteichef Bernd Riexinger.

Die Gewerkschaft geht davon aus, dass Deutschland bis 2025 mindestens 300 000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher braucht, um den jetzigen Standard zu halten. Wenn Deutschland die Qualität verbessern wolle, seien wahrscheinlich rund 500 000 zusätzliche Fachkräfte nötig, sagt Köhler, der darauf verweist, dass ein großer Teil der Frauen in den Kitas älter als 50 Jahre ist.

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