Bissel/Oldenburg - Was so toll an dem Schullandheim Bissel ist? Roelf-Arno Weber zögert nicht einen Moment mit seiner Antwort und bringt es auf einen Begriff: „Freiheit“. Auf dem großen Gelände ganz im Westen der Gemeinde Großenkneten, kurz vor der Kreisgrenze zu Cloppenburg, können die Kinder den ganzen Tag spielen und unterwegs sein, erläutert der pensionierte Lehrer. „Die Anfahrt ist so kurz, die Anbindung nach Oldenburg super“, erinnert sich der frühere Lehrer an der Grundschule Ofenerdiek an unbeschwerte Klassenfahrten in die Natur. Seit 70 Jahren gibt es inzwischen die Einrichtung der beiden Oldenburger Schulen Röwekamp und Heiligengeisttor. Bei der Feier am Sonntagnachmittag war der Zuspruch groß. Für viele war es auch ein Besuch verbunden mit vielen Erinnerungen an die oft aufregenden Tage im Grünen.
In der Nachkriegszeit wurde händeringend nach zusätzlichem Platz für die Schüler gesucht. Im September 1948 wurden die Schullandheimstiftung Röwekamp- Heiligengeisttor als Träger und der Schullandheimverein als Fördereinrichtung gegründet. Sie übernahmen einen großen Teil des ehemaligen Feldflugplatzes Bissel in der Gemeinde Großenkneten. 1949 traf auf britischen Militärfahrzeugen eine Ladung bogenförmiger Wellblechprofile als erstes Baumaterial ein. Im Juli 1949 wurde der erste feste Bau begonnen. Die Stadt Oldenburg und die Schulaufsicht förderten damals das Vorhaben. Noch heute sind die Grundschulen Röwekamp und die Heiligengeisttorschule in der Stadt Oldenburg die Träger des Schullandheims. Fünf Mitarbeiterinnen sind vor Ort im Einsatz.
„Die Kinder fragten mich: Wollen wir da nicht wieder hin?“, erzählte Weber, dass das Schullandheim mit den auffälligen Nissenhütten in den sieben Jahrzehnten nichts von seinem Charme und seiner Anziehungskraft verloren hat.
Uwe Grimme führte am Sonntag Gruppen über das verzweigte Gelände und zeigte die Übernachtungsmöglichkeiten im Eulennest und Dachsbau mit insgesamt 74 Kinderbetten und vier separate Lehrerzimmern, alles auf heutige Standards gebracht, einfach und praktisch gehalten. „Die Nissen haben nichts mit den Kopfläusen zu tun“, erzählt er schmunzelnd. Vielmehr ist es die Bezeichnung für die halbrunden Gebäude, die die britische Militärverwaltung in der Nachkriegszeit als Unterkunft zur Verfügung stellte. Sie wurden mehrfach modernisiert und stehen seit 1999 unter Denkmalschutz.
Gerda Bösch aus Wardenburg ist bereits im ersten Jahr des Heims, 1949, als Elfjährige in Bissel gewesen. „Das war so spannend“, strahlt sie und berichtet von Jungen, die die Mädchen mit Kieferzapfen bewarfen, als wäre es gestern gewesen. Unvergessen die Erbsensuppe mit Nudeln, die die beiden Lehrerinnen gekocht hatten: „Einiges davon haben wir verbuddelt.“ Ihr Mann, Ludolf Bösch, ist als Lehrer auch immer gerne mit Gruppen in Bissel gewesen. „Wunderschön“ sei das Areal im Wald, findet der 82-Jährige aus Charlottendorf-West.
Ehepaar Bösch ist wie viele ältere Menschen zu der 70-Jahr-Feier gekommen. Das merkt auch Claudia Schmolke von der Grundschule Heiligengeisttor an ihrem Stand mit den knallgelben T-Shirts des Schullandheims. „Sie kaufen T-Shirts für die Enkel“, hat sie beobachtet.
Während die Familien und Kinder die großen Spielplätze und die Wasserspielecke bevölkern oder auch im Streichelgehege die Ziegen bestaunen, treffen die Älteren immer wieder auf andere Bekannte aus Bisseltagen und klönen. Die 70-Jahr-Feier ist so auch ein Treff der Generationen an einer vertrauten Stelle. Zwischendurch sorgt die Band „Brass & More“ aus Wiefelstede für flotte Musik. Kreativangebote, Speisen und Getränke sowie Infostände und Rundgänge runden das Programm ab.
Viele Familien verbindet die Erinnerung an Aufenthalte in Bissel. Von Achim Bey der Kuhle waren sowohl die drei Kinder als auch die zwei Enkel schon bei Klassenfahrten in Bissel. „Hier kann man die Kinder den ganzen Tag allein laufen lassen“, weiß er um die Vorteile, „und ich brauche kein Internet“. Wichtiges Kommunikationsmittel ist dagegen die Glocke, die überall zu hören ist.
Bey der Kuhle kennt die Einrichtung bestens. Schließlich ist er 23 Jahre der Vorsitzende des Fördervereins gewesen. Sogar als „Kochvater“ war er im Einsatz. Dann wurde bei der Essenszubereitung geholfen, so beim Frühstück. Früher seien die Klassenfahrten oft über fünf bis sieben Tage gewesen und sogar die Eltern seien sonntags zu Besuch gekommen, aber das sei lange nicht mehr so. Heute seien es oft eher drei bis vier Tage, weiß er.
