Bohlenberge/East London - Auf einmal sind schon fast drei ereignisreiche Monate vorbei und sie sind wie im Flug vergangen. Die Zeit hier in Südafrika rennt. In den letzten Wochen ist Alltag eingekehrt, doch jeder Tag verläuft anders ab.

In Deutschland würde man sich unter Alltag geregelte Zeiten und Strukturen vorstellen. Hier in Südafrika werden wir stattdessen beinahe jeden Tag mit der „African Time“, der wir uns bereits angepasst haben, oder anderen unerwarteten Dingen konfrontiert. An einigen Tagen sind in unserer Schule kaum Lehrer anwesend, an anderen Tagen werden wir mit Turnieren, Spielen oder Festen überrascht. Sogar die Pausen dauern unterschiedlich lang, so dass es unmöglich ist, sich auf einen festen Tagesablauf einzustellen. Das ist keineswegs negativ, sondern ein kultureller Aspekt, welchen ich persönlich als angenehmer als die aus Deutschland gewohnte strikt durchgeplante Art empfinde.

Neben meinem Hauptprojekt an der Nobuto-Primary-School gehe ich an drei Morgenden der Woche zu einer christlichen, unabhängigen Vorschule. Dort werden wir mit vielen Umarmungen und lauten Rufen begrüßt. Alle Kinder wollen unsere Hand halten, hochgehoben werden oder erzählen uns begeistert von ihren Erlebnissen.

Jedes Mal, wenn wir kommen, entsteht ein kleines Durcheinander, so, als wäre es unser erster Tag. Mittlerweile kennen wir schon die meisten Namen. Das war gar nicht so leicht, denn die Namen unterscheiden sich vom Klang her sehr von den europäischen. Einige beinhalten komplizierte Schnalz- und Klacklaute, welche für Xhosa üblich sind.

Seit wir die Kinder bei ihren Namen nennen können, macht mir die Arbeit noch mehr Spaß. Unsere Beschäftigung besteht daraus, dass wir gemeinsam mit den Kindern singen, malen, puzzeln, lernen oder draußen spielen. Bereits in ihrem jungen Alter sprechen sie fließend Englisch, weshalb wir uns mit fast allen unterhalten können.

Im Anschluss fahren Tom und ich jeden Tag zur Nobuto. Diese stellt einen großen Gegensatz zur gut ausgestatteten, durchgeplanten Pre-School dar. Als Sportmaterial steht uns in der im Township Tshabo liegenden Schule lediglich das zur Verfügung, was wir an jenem Tag mitbringen, also meist nur ein paar Bälle und Hütchen. Wenn wir dort ankommen, werden Tom und ich immer wieder aufs neue mit Euphorie begrüßt und alle fragen, ob wir ihre Klasse mit auf den Sportplatz nehmen können. Mit den Älteren spielen wir dann meistens Sportspiele wie Völkerball, Brennball und Fußball. Mit den Jüngeren hingegen machen wir Bewegung-, Reaktions- und Fangspiele. Mit der Kommunikation klappt es mittlerweile gut; wir sprechen einzelne Xhosa-Sätze und wissen uns mit Händen und Füßen zu helfen. Auch, wenn wir das in dem Ausmaße nicht erwartet hätten, freuen sich die Kinder sehr über unsere Anwesenheit. Das wird uns immer wieder bewusst, wenn die Kinder aufgeregt und „Teacher, Teacher!“ rufend hinter unserem Auto herlaufen. Schon jetzt sind mir die Schule und die wenigen Lehrer und Schüler ans Herz gewachsen.

Das Tanzprojekt am Nachmittag, das an der Nkosinathi, einer weiteren Schule in Berlin, stattfindet, läuft wie gewohnt gut. Jeden Dienstag und Donnerstag treffe ich mich mit einigen Mädels und bringe Musik mit, zu der wir dann gemeinsam tanzen.

Des Weiteren wurde unser Alltag in Berlin durch Wasser- und Stromausfälle, Schimmel und Kakerlaken abwechslungsreicher gemacht. Mehr als einmal hat jemand den Autoschlüssel in der Zündung stecken lassen und die Türen haben sich verschlossen, weshalb wir inzwischen geübte Autoknacker sind.

Mittlerweile haben wir seit etwa drei Wochen nur noch kaltes Wasser, aber selbst an die kalte Dusche gewöhnt man sich. Unser Auto ist derzeit ein kleiner Corsa, dessen Scheibenwischer und Rückwärtsgang gerne mal aussetzen. Auch der Seitenspiegel wurde mit Klebeband befestigt, doch damit fällt man hier nicht auf und auch daran gewöhnt man sich schnell.

Was mich etwas schockiert, ist der Umgang mit Tieren und das Unverständnis ihnen gegenüber. Mit kleineren Tieren gehen vor allem Kinder absolut nicht behutsam um. So haben unsere Nachbarskinder eine kleine Schlange gefunden, getötet und daraufhin gehäutet, um die schöne Schlangenhaut zu verkaufen. Auch Erwachsene nehmen Tiere selten als fühlende Lebewesen wahr. Hunde leben beispielsweise massenhaft auf der Straße und fungieren, wenn sie überhaupt einen Besitzer haben, lediglich als Wachhund.