Oldenburg - Für Doris Juhri war der 13. November 1972 ein ganz besonderer Tag. Und dass nicht nur wegen des Orkans, der an jenem Tag durch Norddeutschland tobte. Wie viele NWZ -Leserinnen und Leser hat sie sich daran erinnert.

„Der Morgen war stürmisch, und es wollte gar nicht richtig hell werden“, schreibt sie. Und da sie einen wichtigen Arzttermin hatte, verdrängte sie das Unwetter zunächst. Erst als sie nach diesem Arztbesuch wieder zu Hause angekommen war, nahm sie den Sturm zur Kenntnis. Sie habe sich ein Kännchen Tee gekocht und sich ans Fenster gesetzt.

Von ihrem sicheren Plätzchen im Trockenen beobachtete sie, wie die leeren Mülltonnen kreuz und quer über die Cloppenburger Straße rollten. „So wie der Sturm war, so habe ich mich gefühlt: Unbeschreiblich!“. Diesen Tag wird Doris Juhri also niemals vergessen, weil er ihr Leben komplett verändert hat. Am 13. November 1972 bestätigte ihr Arzt, dass sie schwanger sei.

Auch für Maria Klein war dieses Datum ein besonderes. Sie war 41 Jahre alt und ihre drei Kinder „aus dem Gröbsten heraus“. Am Morgen des 13. Novembers hatte sie um 10 Uhr einen Beratungstermin beim Arbeitsamt. Trotz des Sturms machte sie sich auf den Weg. Und der Pekolbus sei auch pünktlich gekommen. Allerdings habe die Linie 10 schon an der Butjadinger Straße stoppen müssen, da eine dicke, umgestürzte Eiche die Straße blockierte.

Nervös saß Maria Klein im Bus und sah auf die Uhr, sie würde den vereinbarten Termin nicht einhalten können. Erst nach einer Stunde kam die Feuerwehr und zersägte den Eichenstamm in mehrere Teile und schaffte sie beiseite, so dass der Bus weiterfahren konnte. Als sie dann sehr viel später im Arbeitsamt angekommen sei und sich für die Verspätung entschuldigte, sagte der Sachbearbeiter zu ihr: „Dass Sie bei diesem Unwetter überhaupt gekommen sind.“

Tochter Monika zählte zu jenen, die von der Liebfrauenschule Oldenburgs „spektakulärstes Sturmopfer“ live miterlebten: den Fall des Turms der Peterkirche. Im Zeichensaal rannten die Mädchen ans Fenster, um sich das unglaubliche Geschehen anzusehen. Noch heute erinnert sich Maria Klein daran, dass ihre Tochter erzählte, dass der Lehrer alle zur Ordnung gerufen habe und dass sich alle wieder auf die Plätze setzen mussten.

Das zwölfjährige Mädchen kommentierte das Verhalten des Lehrers mit dem Satz: „Der war Soldat im Krieg. Den kann nichts mehr erschüttern.“ Bald darauf seien die Kinder nach Hause geschickt worden. „Wir Eltern fanden das unverantwortlich. In der Schule wären sie sicherer gewesen.“

Das Schulamt der Stadt hatte empfohlen, nach Möglichkeit die Eltern telefonisch um das Abholen ihrer Kinder zu bitten. Nicht überall gelang dieses Vorhaben. An einigen Grundschulen mussten sogar die Kleinsten ohne Begleitung durch Eltern oder Lehrer nach Hause gehen, weil niemand auf diesen Fall eingerichtet war.

An manchen Schulen fiel sogar am darauffolgenden Tag noch der Unterricht aus. Letztlich wurde es auch in die Verantwortung der Eltern übertragen, ob sie es wagen wollten. Besonders schlimm sah es am Abend des 13. November 1972 an der Schule am Flötenteich aus, an der Graf-Anton-Günther-Schule, in Bloherfelde und in Bümmerstede.