Oldenburg - „Je mehr Genie, desto schlechter die Handschrift“, wird Karl Julius Weber zitiert. Mutmaßlich besaß der Jurist und Schriftsteller eine fürchterliche Klaue. Zu Webers Lebenszeit zwischen 1767 und 1832 war das Schreiben in der Regel ohnehin nur Gelehrten wie ihm vorbehalten.
Rund 200 Jahre später können hierzulande die allermeisten Grundschüler lesen und schreiben. Auch wenn Bildung im 21. Jahrhundert nicht selbstverständlich ist und oft von Herkunft und Stand der Eltern abhängig ist, geht es beim Thema Schreibfertigkeit in erster Linie um die Handschrift – also das Erlernen von Schreibschrift oder Druckschrift.
Kinder herausfordern
Tatsache ist: An vielen Schulen verschwindet die gute, alte Schreibschrift. Ein Umstand, den Sabine Stehno sehr beklagt. Die Leiterin der Grundschule Nadorst hat bemerkt, dass vielen Kindern das Schreiben mit der Hand schwerfällt. „Trotzdem möchte ich sie herausfordern. Die Synapsen in ihren Köpfen sollen sich verbinden. Das Kind benötigt sie für alle möglichen Denk- und Merkbereiche.“
Die Feinmotorik soll nicht komplett entlastet werden, sagt Pädagogin Stehno, weil es nicht Aufgabe sein kann, Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. „Es darf natürlich kein Kalligraphiekurs werden. Es bleibt eine Ausgangsschrift, die sich zur eigenen Handschrift entwickelt und nur eine Zwischenstufe ist.“
Die Bewertung der Schrift als Einzelnote wurde in Niedersachsen im Jahr 2006 abgeschafft. Seither stellt sie einen kleinen Teilbereich der Note im Fach Deutsch dar. Auch die Grundschulen in Oldenburg müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. „Bei uns im Kollegium gibt es mehrere Sichtweisen. Die Tendenz geht aber in Richtung Grundschrift“, stellt Gisela Schläfke, Schulleiterin der Grundschule Staakenweg, fest. „Wir sind in der Fachkonferenz Deutsch sowie in der Gesamtkonferenz im regelmäßigen Austausch.“
Ein Modellversuch
Ein entsprechender Modellversuch dokumentiert hier für die Druckschrift die Effekte eines speziellen Schreibtrainings. In diesen Übungen wird den Kindern eine druckschriftangelehnte Schreibweise beigebracht, bei der Buchstabenverbindungen ausgeführt werden können.
Im Gegensatz dazu steht die Vorgehensweise, bei der die Schulkinder die Vereinfachte Ausgangsschrift bzw. Lateinische Ausgangsschrift im Anschluss an eine Druckschrift lernten.
Ziel müsse weiterhin ein klares, leserliches Schriftbild sein, findet Sabine Stehno. „Das hilft auch der inneren Ordnung des Kindes im Sinne der eigenen Arbeitsorganisation, auch der Rechtschreibleistung.“
Im Detail bedeutet dies für die in Nadorst betreuten Kinder: Schriftkultur pflegen ja, Zeit dafür verwenden und den Spaß an der eigenen Handschrift vermitteln, aber wie bei allen Inhalten in der Schule auch individuell differenziert schauen, was das einzelne Kind leisten kann, was die Zone der nächsten Entwicklung ist.
„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht“, sagt sie, hier komme es vielmehr auf den differenzierten geschulten Blick der Lehrkraft und auf den „richtigen Zeitpunkt“ an, wann Kindern die Schreibschrift angeboten wird.
Persönlichkeit ausbilden
Für Gisela Schläfke geht es um viel mehr als nur um die Ausbildung von Schreibfertigkeiten. „Es ist Bestandteil der Persönlichkeitsbildung. Ich halte es für sehr wichtig – auch im Hinblick auf den weiteren Lebensweg der Kinder.“
Viele Pädagogen sind sich hier einig: Wenn es um die Versetzung in eine weiterführende Schule gehe, müsse der Druckschriftlehrgang sicher abgeschlossen sein. Auch das Prinzip des Lesens müsse sicher verstanden sein, denn es sei schwieriger in der verbundenen Schrift die einzelnen Buchstaben zu isolieren.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Kinder mit wenig sogenannten graphomotorischen Basiskompetenzen, visuellen Wahrnehmungsproblemen oder Kindern mit LRS hilft es sehr, länger Druckschrift zu schreiben. „Wir machen aber auch positive Erfahrungen, wenn wir einzelnen Viertklässlern, die ihre Rechtschreibkompetenz stabilisieren konnten, später die Schreibschrift anbieten“, hat Schulleiterin Stehno beobachtet.
Patentrezepte gibt es nicht für die Ausbildung der Handschrift. Hier gehe es um Fordern und Fördern. Wer sich intensiver damit beschäftigt, wird vielleicht auch mehr Freude am Schreiben entwickeln. Letztlich gehe es immer wieder um das Trainieren – Übung macht den Meister!
