Wüsting - Stockfinster ist es im Klassenraum der 4a. Auf dem Boden liegen Kinder. Das schwache Licht einer Kerze beleuchtet schemenhaft ihre konzentrierten Gesichter. „Pst“ – hier wird gelernt. Was denn? „Mathe“, sagt die Lehrerin Karin Tellmann. Im Dunkeln? Komisch.

Draußen auf dem Pausenhof brennt dafür die Sonne auf ein reges Treiben – da feilschen Achtjährige um Reis und Chilischoten, schürfen Diamanten in Metallbottichen, schrubben abgewetzte Pullis über Waschbrettern und zerstampfen schnaufend Zwiebeln mit dicken Stöckern. Werden die Wüstinger Grundschüler jetzt etwa zur Kinderarbeit angetrieben?

Da: Quer über den Lehrerparkplatz balancieren zwei Mädchen mit wackelnden Knien Wasserkübel auf dem Kopf. Einige tragen bunte Gewänder, die um ihre Körper geschlungen sind. Aus der Ferne erklingen Trommeln. Wo sind wir denn hier gelandet? In Afrika. Genauer gesagt: In Sierra Leone.

Den ganzen Dienstagvormittag lang widmete sich die Grundschule dem verarmten Land: Wie leben die Kinder in dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Gebiet? Was bedeutet es, ohne Strom und fließend Wasser leben zu müssen und in Hütten aus Pappe und Plastiktüten zu wohnen? Auf welche Grundbedürfnisse verzichten die rund sechs Millionen Einwohner am Atlantischen Ozean?

„Es fehlt an Nahrung, medizinischer Versorgung – ganz zu schweigen von Bildung“, sagt Karin Tellmann, die den klassenübergreifenden Projekttag bereits zum fünften Mal organisiert. „Die Kinder sollen nachempfinden, wie es ist, unter solchen Verhältnissen zu leben“, erklärt die Pädagogin. Sie ist nach Sierra Leone gereist – kennt die Probleme, hat die Kriegsopfer, die Armut und Hoffnungslosigkeit mit eigenen Augen gesehen.

In diesem Jahr ist die Organisation „Salone Dreams“ zu Gast in Wüsting. Im Gepäck haben Hanna und Beate Lütke Lanfer Fotos, Gegenstände und viele Geschichten aus Sierra Leone – wo sie momentan eine Bildungseinrichtung aufbauen. „Der einzige Ausweg in ein besseres Leben“, sagen die Entwicklungshelferinnen. Die Analphabetismusrate liegt bei 64 Prozent. Viele Kinder arbeiten, anstatt zu lernen. Jobs und Perspektiven gibt es wenig. Aber es gibt sie: In einer kleinen Grundschule auf dem Land haben 90 Kinder die Chance, ihre Zukunft neu zu schreiben – ohne allgegenwärtige Schläge und Vorurteile – aber auch ohne genügend Bücher und Stühle.

„Gibt es in Sierra Leone Radiergummis und Anspitzer?“, will eine Sechsjährige wissen. Beate Lütke Lanfer schüttelt den Kopf. Ungläubig betrachten die kleinen Wüstinger die mitgebrachten Bilder.

Der „Afrika-Tag“ soll nicht nur die deutschen Jungen und Mädchen für die Thematik sensibilisieren, sondern unterstützt auch die westafrikanische Einrichtung: „Nach dem Unterricht werden alle Kinder kleine Aufgaben im Haushalt, bei Nachbarn und Verwandten übernehmen, das Geld, was sie dabei verdienen, spenden wir der Schule“, erzählt Karin Tellmann. Geplant ist auch eine Brieffreundschaft mit der afrikanischen Einrichtung. Erst einmal aber fegt Fabian, Lars mäht Rasen, und Jolin verkauft Mandeln. Die Viertklässlerin hat die Bilder von abgemagerten Kindern in Afrika, die sie in den Nachrichten gesehen hat, nicht vergessen: „Ich will niemals so leben“, sagt sie nachdenklich. „Das Wassertragen auf dem Kopf und Brei stampfen war lustig – aber für die Kinder dort ist es kein Spaß“, sagt sie und beißt in den Bananenkuchen, mit dem alle nach getaner Arbeit belohnt wurden. „Wir haben gerade im Dunklen Hausaufgaben gemacht – echt witzig. Aber jeden Tag würde ich das nicht wollen“, sagt ihre Mitschülerin Svea.

Von weit her ist ein Trommeln zu hören: große Pause. In der Grundschule brennt wieder Licht, und die Kinder machen, was sie am liebsten tun: Spielen.