Rodenkirchen - Mitten im Klassenraum der 10 H steht ein Kickertisch, den sich die Schüler selbst angeschafft haben. Die 16-jährige Seda Eldarova trägt gern mal eine Runde mit ihren Klassenkameraden aus. Aber schon bald könnte Schluss sein mit dem fröhlichen Spiel, denn Seda und ihrer Familie droht die Abschiebung.
Seda Eldarova stammt aus Tschetschenien, der unruhigen Teilrepublik der Russischen Föderation im nördlichen Kaukasus. Zwei Tage vor Beginn der Sommerferien ist sie mit ihren beiden Schwestern Iman (14) und Dagmara (11) an der Oberschule angekommen. Seitdem haben sie sich dort gut eingelebt – so gut, dass die Mitschüler wollen, dass sie bleiben. Und auch der Schulleiter Jürgen Janssen macht sich jetzt in der Öffentlichkeit für sie stark.
„Die drei Schwestern haben schnell Deutsch gelernt, und sie integrieren sich gut“, sagt Jürgen Janssen, der in der Klasse von Seda Deutsch unterrichtet. Er ist überzeugt davon, dass es alle drei Mädchen in Deutschland schaffen können.
Doch dagegen steht das Dublin-Abkommen der EU. Es besagt, dass Asylbewerber in dem EU-Land bleiben müssen, in das sie als Erstes eingereist sind, und das ist im Fall der Familie Eldarov Polen. Deshalb hat das Amt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf bei Nürnberg den Asylantrag von Beslan Eldarov und seiner Familie ohne weitere Prüfung abgelehnt, wie Jürgen Janssen sagt. Das Amt habe aber eine vorläufige Duldung ausgesprochen, weil Aishat Eldarova, die Mutter der Mädchen, hochschwanger ist und in Kürze ihr fünftes Kind zu Welt bringen wird. Etwa vier Wochen nach der Geburt muss die Familie ausreisen.
Drei Tage Frist gesetzt
Schon im Oktober hatten die Ausländerbehörden der Familie eine Dreitagefrist zur Ausreise gegeben, die dann wegen der Schwangerschaft ausgesetzt wurde, sagt Natalija Engel. Die aus Litauen stammende gebürtige Russin gibt an der Oberschule Deutsch-Förderunterricht für die drei Schwestern.
Deren Muttersprachen sind Tschetschenisch und Russisch. Aufgewachsen sind sie im Norden von Tschetschenien in einem Dorf, das ähnlich groß ist wie Rodenkirchen, sagte Seda Eldarova. Ihr Vater Beslan Eldarov war an zwei Schulen als Physiklehrer tätig. Sie waren nicht arm, sondern lebten in einem schönen, großen Haus.
Und wer etwas Geld hat, kann schnell in das Visier der Partisanen geraten, die die russlandfreundliche Regierung in Grosny bekämpfen. Sie sind scharf auf Geld und Proviant und dabei nicht zimperlich, schildert Seda. Ab 2011 habe ihr Vater mehrfach den Partisanen helfen müssen, was der Regierung nicht verborgen geblieben sei. Deshalb sei er mehrfach von der Polizei abgeholt worden. Im Februar sei er untergetaucht und habe seine Flucht nach Europa geplant, zunächst nur mit der Tochter Dagmara. Doch dann legte die Großfamilie zusammen, und alle konnten fliehen.
Auf dem Landweg
Im Mai stiegen die Eldarovs – zur Familie gehört auch die zweijährige Yasmina – in den Bus nach Rostow am Don und steuerten Berlin an, das sie nach knapp einer Woche erreichten – auf dem Landweg durch Polen. In der Hauptstadt stellten sie den Asylantrag. Für Deutschland hatten sie sich entschieden, weil die Mädchen später studieren sollen – Seda zum Beispiel will Ärztin werden –, und hier die Bildungshürden geringer sind als anderswo in Europa.
Derzeit sieht es aber nicht danach aus, dass auch nur eines der Mädchen in Deutschland studieren kann. Deshalb denkt Jürgen Janssen über öffentlichkeitswirksame Aktionen nach – etwa eine Unterschriften-Aktion aller Schüler. Die würden das mitmachen, ist Natalija Engel überzeugt, die seit vier Jahren an der Schule auch Hauswirtschaft unterrichtet: „Die Mitschüler finden die bevorstehende Abschiebung grausam.“
