Berne - „Vogelbeere“ schreibt Emma in ihr kleines Notizbuch. Mit diesem Wort kann sie sich den Unterschied zwischen Esche und Eberesche merken. „Die Eberesche hat Beeren“, hatte der Jäger Joachim Dinkelbach gerade erklärt. Die Drittklässlerin von der Comeniusschule in Berne macht sich an diesem Vormittag noch viele weitere Notizen – denn nicht nur Dinkelbach, sondern auch Hegeringsleiter Karl-Bernd Böse und vor allem der Landwirt Rolf Wenke, der das Wittemoor in- und auswendig kennt, haben viel zu erzählen.
Es ist 9.30 Uhr an diesem frischen Morgen. Vor einer halben Stunde sind die Grundschüler mit ihren Lehrern Tina Weniger und Christian Fels bei der ehemaligen Gaststätte „To’n drögen Schinken“ aus dem Bus gestiegen und wurden von den drei Herren begrüßt – mit Jagdhörern und einem Wildschweinfell zum Anfassen. Drei Stunden lang werden die kernigen Naturburschen den Drittklässlern die Besonderheiten der Natur in ihrer Heimatgemeinde näher bringen.
„Tiere werden wir heute Morgen nicht sehen“, sagt Joachim Dinkelbach, kurz nachdem sich der muntere Trupp aus 35 Schülern, zwei Lehrern, den drei Fachleuten und dem NWZ -Redakteur auf den Weg ins Wittemoor gemacht haben. „Wir sind eindeutig zu laut.“
So ganz stimmt seine Aussage allerdings nicht: denn erstens sind mit seinem Böhmisch-Raubart-Rüde „Charlie“ und dem Deutschen Drahthaar-Rüden „Bruno“ von Karl-Bernd Böse zwei äußerst lebendige Vierbeiner mit auf dieser Exkursion; und zweitens hat Jäger Karsten Kuck, der erst kurz vor der Rasthütte zu uns stößt, einige typische Moorbewohner am Wegesrand verteilt: Kaninchen, Hermelin, Eichelhähe und Fasan –natürlich nur in der ausgestopften Variante. Aber immerhin können die Drittklässler aus nächster Nähe und in aller Ruhe sich diese Tiere anschauen.
Und da geht dann mit dem einen oder anderen schon mal die Fantasie durch. „Ich hab’ eine Wildschweinkuhle gesehen“, ruft ein Junge aufgeregt Rolf Wenke zu. Der antwortet ganz abgeklärt: „Wildschweine gibt’s hier nicht. Die können sich im Moor nicht verstecken.“
Dafür entdecken wir die Hinterlassenschaft – in der Jägersprache „Losung – eines Tieres. Joachim Dinkelbach tippt auf Marder, wegen der Körner im Kot. „Die Losung vom Fuchs sieht anders aus“, weiß er.
Den Appetit lassen sich die Grundschüler dadurch nicht verderben. Den bereit gestellten Kuchen in der Ratshütte und das kalte Getränk schlägt niemand aus. Überhaupt sind alle aufgeregt, neugierig und überhaupt nicht müde. „Bei Exkursionen ist nie einer krank“, sagt Tina Weniger und schmunzelt.
Bis zum Aussichtsturm führt der Weg, danach muss aus Zeitgründen wieder umgekehrt werden. Der Bus ist pünktlich. Aber bis dahin lernen wir noch den Gagel-strauch kennen. „Der duftet ganz intensiv“, sagt Joachim Dinkelbach und lässt die Kinder ordentlich dran schnuppern. „Dieser intensive Duft ist gut gegen Ungeziefer, deswegen hat man die Blätter früher im Schlafzimmer oder im Stall aufgehängt.“
Zwischendurch haben wir auch den Bohlenweg passiert. Das Holz ist erst vor einiger Zeit erneuert worden. Die Kinder erfahren, dass solche Wege im Moor gebaut worden, damit man mit Pferdefuhrwerken hier fahren konnte. Heute gibt es gut ausgebaute Wege. Aber die sollte man auch nicht verlassen, warnt Rolf Wenke und weist auf die nassen Flächen rechts und links des Weges hin. „Da kann man ganz schön einsinken“, warnt er. Und bekommt prompt die Bestätigung von Tim: „Das Moor ist gefährlich. Ich hab’ in der Zeitung schon mal gesehen, wie ein Trecker im Moor eingesunken ist.“
Letzte Station: Torfabbau. „Das Moor wächst jährlich nur um einen Millimeter“, erklärt Rolf Wenke. Das gesamte Wittemoor sei also in über 500 Jahren gewachsen. Die Kinder staunen und „bauen“ ein wenig Torf ab, den sie anschließend in den Händen hin und herbewegen. Dabei erfahren sie, dass man früher mit Torf bestens heizen konnte.
Inzwischen hat Emma ihr Notizbuch zugeklappt. Jetzt ist sie endlich auch mal an der Reihe, „Charly“ eine Zeitlang zu führen. Das ist natürlich viel aufregender als Schreiben.
„Im Frühjahr sind diese Exkursionen eigentlich besser, weil die Natur dann viel mehr zu bieten hat“, sagt Karl-Bernd Böse bei der Verabschiedung. Da würden ihm die Grundschüler bestimmt wiedersprechen: So aufregend war schon lange kein Unterricht mehr.
