ELMELOH - Drei große Fehler hat Professor Dr. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, im deutschen Schulsystem ausgemacht: Jungen würden in der Schule immer noch genau so behandelt wie Mädchen, alle Schüler würden behandelt, als wären sie dumm, und die Schulen konzentrierten sich zu sehr auf Wissensvermittlung. Tatsächlich lernen Jungen aber ganz anders als Mädchen, erklärte Struck.
Auf Einladung der Fachgruppe Kinder, Jugend und Familie des Sozialpsychiatrischen Verbundes Delmenhorst war Struck ins Wichernstift gekommen, um vor etwa 150 Fachkräften aus dem Bereich Bildung und Jugendarbeit über Lernverhalten zu berichten.
Zwar gelte grundsätzlich, dass alle Menschen am besten durch Handeln, Ausprobieren und Fehlermachen lernen, und das auch am besten nebenbei. Doch während 40 Prozent der Mädchen in der Lage seien, zur Not auch über Lesen und Hören, also durch Frontalunterricht, zu lernen, liege der Anteil der Jungen, die dazu fähig sind, bei nur zehn Prozent. Daher hätten Mädchen in Schulen, in denen vor allem Wissen vermittelt werde, vier Mal höhere Chancen, etwas zu lernen.
Hinzu komme, dass junge Mädchen tendenziell eher dazu neigten, Erwartungen von Bezugspersonen erfüllen zu wollen. Jungs dagegen wollten eher ausprobieren. Mädchen hätten ein höheres Anpassungspotenzial, während es Jungen um Wettkampf gehe.
Anhand von internationalen Vergleichen führte Struck die Schwächen des deutschen Unterrichts vor: Erziehung erfahre im Vergleich zur Bildung eine niedrigere gesellschaftliche Wertschätzung. Außerdem stünden Lehrer „mit dem Rücken zur Wand“. Sie müssten multitaskingfähig sein, sich um große und sehr heterogene Gruppen kümmern, viel Wissen nach standardisierten Lehrplänen vermitteln. „Lehrer ist einer der härtesten Jobs der Welt.“
Sinnvoll seien Schulsysteme, in denen Kinder jahrgangsübergreifend unterrichtet werden, sich dabei bewegen können und eine gewisse Auswahl haben, was sie wann lernen wollen. Auch Kaugummi kauen helfe, weil die Hirn-Durchblutung damit angeregt werde. Kinder lernen außerdem besser von älteren Kindern als von Erwachsenen und besser durch Aussprechen als durch reines Hören.
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