ELSFLETH - Rolf Grabhorn (71) hat einen dicken Ordner in seinem Regal, in dem er in verschiedenen Dokumenten – über Briefe, Postkarten und andere Schriftstücke – die letzten Jahrzehnte archiviert hat.

Im Tischgespräch erzählt Grabhorn – passend zum Motto des Stadtfestes – von damals. Besonders an den Winter 1954/1955 erinnert er sich. Einen Tag wird er nie vergessen: „Ich war Schüler der achten Klasse auf der Mittelschule in der Schulstraße. Meine schulischen Leistungen ließen in den Hauptfächern mehr als zu wünschen übrig, was ich in erster Linie dem Unvermögen er Pädagogen anlastete.“ Grabhorn hat seinen Humor nicht verloren.

„Dieser Winter gehörte zu den härtesten, was zur Folge hatte, dass die uns Inselbewohner vom Festland trennende Hunte oft starkes Treib- eis führte oder ganz zugefroren war.“ Rolf Grabhorn lebt mit seiner Familie auf dem Elsflether Sand. „Meinem Vater war es nicht möglich, uns schulpflichtige Kinder rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn auf die Elsflether Seite zu fahren“, so Grabhorn. Dann erzählt er weiter: „So lauschte ich auch am Abend des 12. Januar gespannt dem Wetterbericht.“ Für die erste Schulstunde war Englischunterricht angesagt, erzählt Grabhorn. „Die Hausaufgaben erschienen mir dafür sehr zeitaufwendig. Der Wetterbericht kündigte den von mir erhofften starken Frost an.“ Sein Vater wollte nicht vor dem Tageslicht über die Hunte fahren.

„Doch am nächsten Morgen war die Hunte eisfrei“, sagt Grabhorn. „Das Treibeis hatte sich bei ablaufendem Wasser vor der Eisenbahnstrecke gestaut.“ Grabhorn: „Auf keinen Fall durfte ich die Schule noch während des Englischunterrichts erreichen.“ Er hatte ja keine Hausaufgaben. Dann kam ihm die Idee: „Dort, wo sich heute die Einmündung der Hafenstraße befindet, stand damals noch ein kleiner alter Bunker mit dicken Wänden. Hier befand sich die einzige Elsflether Bedürfnisanstalt.“ Dort schloss sich Grabhorn ein. Vor Kälte zitternd und mit dem penetranten Geruch der Kloake in der Nase, traf er zur zweiten Stunde in der Schule ein. Dieses Erlebnis wird Rolf Grabhorn nie vergessen.