Eversten - Ein Knall. Durch den Windzug fällt die Tür ins Schloss. Scheppernd landet die Türklinke auf den Fliesen. Die Schrauben waren schon lange locker. Die alte Dame kann nun nicht mehr ins Badezimmer. Ratlosigkeit und leichte Panik breiten sich in ihr aus. Nachdenken, was kann sie tun. Im Treppenhaus beim Briefkasten trifft sie zufällig ihren neuen Wohnungsnachbarn und berichtet aufgeregt von ihrem Missgeschick. Der junge Mann erkennt die Notlage, schnappt sich spontan den Werkzeugkoffer aus seinem Umzugschaos und kann in wenigen Minuten den Schaden beheben.
Ein Idealfall von Nachbarschaftshilfe. Vor langer Zeit sind gegenseitige Hilfen eine Selbstverständlichkeit gewesen, heute sind sie seltener. Die Älteren von uns wissen das. Aber unsere urbane Gesellschaft mit ihrem hohen Maß an Individualisierung neigt eher zu einem anonymen und sich abwendenden Verhalten gegenüber den Nachbarn oder Hausbewohnern. Dennoch, oder besser gerade deswegen, wächst besonders bei den älteren Menschen der Wunsch nach unkomplizierten kleinen Unterstützungsmöglickeiten und mehr Nahversorgung vor der Haustür.
Feste Anlaufstellen
Das kann durch nachbarschaftliche Hilfe oder durch Institutionen organisiert werden. Entscheidend und wichtig dabei ist die räumliche Nähe für Hilfsangebote und ein vertrauensvoller Umgang miteinander. Dazu müsste in jedem Stadtviertel eine feste personell besetzte Anlaufstelle eingerichtet werden, an die sich die Bewohner wenden können, um Hilfsangebote abzurufen oder auch anzubieten. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlichster Bewegungen, Angebote und Initiativen, die alle die gleichen Ziele verfolgen: Aufbau und Förderung einer intakten Nachbarschaftshilfe als gesellschaftliches Engagement.
Wie stellt sich die Situation denn im eigenen Stadtteil dar? Wie geht es mir in meinem Lebensumfeld? Kenne ich meine Nachbarn und sprechen wir miteinander? Gibt es Einrichtungen in meiner Nähe, die mich unterstützen können? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich das „Netzwerk Wohnquartier“. Hier werden Erfahrungen und Ideen aus den unterschiedlichen Stadtteilen zusammen getragen. Es werden Vorschläge entwickelt, wie das Leben im eigenen Umfeld freundlicher und hilfsbereiter gestaltet werden kann und es werden innovative Einrichtungen besucht.
Zu seinem 10. Netzwerktreffen hat der Verein Evasenio ins Gemeindehaus Zietenstraße in Eversten eingeladen. Anke Heidenreich stellte das von ihr entwickelte Konzept einer altersgerechten Unterstützung vor. Hilfesuchenden im Wohnbereich Eversten steht ein mittlerweile umfassendes und gut organisiertes Angebot an Dienstleistungen rund um den alternden Menschen zur Verfügung.
Derzeit fehlt es dem Verein zwar dringend an Menschen, die einen Fahrdienst übernehmen könnten, aber ansonsten ist Eversten gut versorgt. In anderen Stadtteilen wie Nadorst gibt es ein Veranstaltungsangebot im Caritas Treffpunkt „Pavillon“. Nicht zu vergessen der Seniorenstützpunkt der Stadt mit seinen umfassenden Hilfsangeboten und die Gemeinwesenarbeit in den einzelnen Stadtteilen, um nur die bekanntesten zu nennen.
Oldenburg verfügt über eine Vielzahl unterschiedlicher Initiativen und Nachbarschaftshilfen, die im „Netzwerk Wohnquartier“ vorgestellt und besprochen werden. Gegründet hat sich das Netzwerk nach dem ersten Fortbildungskurs 2017 der Evangelischen Erwachsenenbildung mit dem Titel: „Ich mach mich stark für mein Wohnquartier“. Viele der Teilnehmenden wollten nach Beendigung des Kurses in ihrem Wohnviertel weiterhin Ideen entwickeln und im Austausch miteinander bleiben.
Die Kursleiterin Karin Kleinefeld gründete daraufhin das „Netzwerk Wohnquartier“. Mittlerweile kommen die Interessierten aus den drei bisherigen Kursen vier Mal im Jahr zusammen.
Portale im Internet
Seit Beginn beteiligen sich unter anderem auch die Vertreter des Bürgervereins Etzhorn aktiv im Netzwerk. Sie haben beispielsweise ihr Unterstützungsangebot für Jung und Alt mit Hilfe des Nachbarschaftsportals www.nebenan.de aufgebaut. Wie das funktioniert ist anschaulich unter www.buergerverein-etzhorn.de nachzulesen.
Die alte Dame mit der defekten Türklinke hat übrigens einen Kuchen als Dankeschön für ihren netten Helfer gebacken. Seitdem steht am Wochenende immer Stück Selbstgebackenes vor seiner Haustür. Dafür bringt er ihr nun gerne die Tageszeitung mit in den vierten Stock. So kann es gehen. Manchmal ist es wichtig den ersten Schritt zu tun. Eine neue Fortbildung unter dem Titel „Ich mach mich stark für mein Wohnquartier“ wird vom 5. März bis 25. Juni angeboten. Interessierte sind zur Infoveranstaltung am Freitag, 13. Februar, 9.30 Uhr im PFL, Peterstraße 3, willkommen. Die Moderation übernimmt Karin Kleinefeld. Anmeldung bei der Ev. Erwachsenenbildung unter
