Schierbrok - Dreimädelhaus steht an der Türklingel der Jesußeks in Schierbrok. Denn neben Carsten wohnen hier Ehefrau Christina und die Töchter Pia (16) und Anna (12). Überraschend ist in der Vorweihnachtszeit eine vierte Dame dazugekommen: Carla Aguglia, eine Austauschschülerin aus Reggio Calabria in Süditalien. „Sie ist für uns mittlerweile wie eine Tochter“, sagt Carsten Jesußek.

Eigentlich war die 17-Jährige von der Organisation AFS zu einer Familie in der Nähe von Schwäbisch Hall (Baden-Württemberg) vermittelt worden. Doch weil die Gasteltern dort sich getrennt haben, kam sie sich oft vor „wie das fünfte Rad am Wagen“, schildert Jesußek. AFS hat auch eine Schülerin aus Amerika am Willms-Gymnasium Delmenhorst, der Schule der Jesußek-Töchter, untergebracht. Die US-Amerikanerin sprach Pia Jesußek an. Die Familienrat in Schierbrok stimmte zu. Grünes Licht gab es auch von der Familie Aguglia aus Italien.

„Innerhalb von fünf Tagen haben wir den Umzug organisiert“, erzählt Carsten Jesußek. Er hat sogar das Gästezimmer neu möbliert. Mit Plakat und Rosen wurde Carla am Hauptbahnhof in Bremen in Empfang genommen. Seitdem gefällt es der 17-Jährigen in Schierbrok sehr gut. Sie ist komplett ins Familienleben integriert. Und teilt mit Pia ein Hobby: das Gitarre-Spielen.

Wie kam sie auf die Idee, ein Schuljahr in Deutschland zu verbringen? „Als ich zwölf Jahre alt war, fand ich die Band Tokio Hotel toll“, erzählt sie. Bei zwei Konzerten in Rom war sie dabei. Neben Französisch wählte sie am Gymnasium dann Deutsch als Fremdsprache. Unterstützung gab’s von ihren Eltern und Bruder Oreste, einem Fußballprofi. Nach ihrer Abschlussprüfung im Juli 2015 möchte Carla vielleicht gern in Deutschland studieren.

Einige Sitten und Gebräuche der Vorweihnachtszeit kannte die Italienerin noch nicht: „Bei uns gibt es keinen Adventskalender“, erzählt sie in gutem Deutsch. Neu war für sie auch der Weihnachtsmarkt in Bremen, wo sie erstmals Glühwein trank. Ein Päckchen mit Lebkuchen und Printen hat sie schon in die Heimat geschickt. „Auch die Schokolade schmeckt hier viel besser“, meint die Schülerin.

In Italien gebe es andere Bräuche: Traditionell wird der Weihnachtsbaum am 18. Dezember gebracht. Nach dem Besuch der Messe ist es in der Familie Brauch, den Heiligabend bei den Großeltern zu verbringen. „Dort gibt es nur Fisch“, weiß sie. „Und am 7. Januar gibt es noch einmal Geschenke.“

Das Weihnachtsmenü hat Carsten Jesußek schon einmal verraten: Raclette. Welche Geschenke unterm Baum liegen werden, aber noch nicht. Per Internet-Telefon Skype werden in der Heiligen Nacht Weihnachtsgrüße mit Italien ausgetauscht. In jedem Fall hält das neue Jahr für Carla einige Überraschungen bereit. „Wir wollen ihr noch einiges von Deutschland zeigen: Berlin, Hamburg, eine Fahrt an die Nordseeküste.“ Und wenn die Familie im nächsten Jahr zum Partnerschaftstreffen nach Château-du-Loir mitfährt, werde Carla dabei sein.

Offiziell endet der Austausch im Juli 2014. Doch für den August sei schon ein Wiedersehen geplant. „Wir haben bereits eine Einladung der Familie Aguglia erhalten“, erzählt Carsten Jesußek und gesteht: „Wir waren übrigens noch nie in Italien.“

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent