Ganderkesee/Heide - „Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Das schrieb schon Wilhelm Busch Mitte des 19. Jahrhunderts – und es gilt heute genauso wie damals. Seitdem hat sich jedoch vieles geändert. Auch der Beruf des Pädagogen hat mit dem von Lehrer Lämpel aus „Max und Moritz“ schon lange nichts mehr zu tun.
„Es gibt mehr Jugendliche, denen es an Respekt vorm Lehrer mangelt“, sagt Jürgen Beier. Der 57-Jährige unterrichtet am Gymnasium Ganderkesee Englisch, Französisch und Musik. „Es ist nicht immer leicht, die Kontrolle zu behalten in einer Klasse mit 33 Schülern“, meint er. Verständlich: Buschs Lehrer Lämpel hatte mit zweien schon genug zu tun.
Seitdem er vor 29 Jahren sein Referendariat in Bremen begann, hätten sich vor allem die Schüler verändert. „Es wird von Lehrern mehr Konsequenz erwartet.“ Auch Hausaufgaben „durchzudrücken“, sei problematischer geworden.
Freude an der Arbeit
Spaß mache ihm der Beruf trotzdem. „Es war von Anfang an klar, dass es nur diesen Weg gibt.“
Doch nicht nur das Verhalten der älteren Schüler hat sich gewandelt, auch das der kleinsten. Zwei, die das berichten können, sind Ulla Dunker und Nadine Gellfahrt, Rektorin und Konrektorin an der Grundschule Heide. „Wir bekommen Kinder, die nicht ihren Namen schreiben können, andere lesen bereits ganze Bücher“, meint Dunker und Gellfahrt ergänzt: „Frontalunterricht funktioniert meistens nicht mehr.“ Aus „Unterricht im Gleichschritt“ ist individuelle Betreuung geworden – eine Mammutaufgabe bei mehr als 20 Schülern pro Klasse.
Eine Veränderung für alle drei war die Abschaffung der Orientierungsstufe vor acht Jahren. „Früher waren die Siebtklässler unsere Kleinen, heute sind es die Fünftklässler“, sagt Beier. Und Nadine Gellfahrt berichtet: „Die Kinder stehen unter einem enormen Druck. Sie müssen sich sehr früh mit weiterführenden Schulen auseinandersetzen.“
Positiv sei dabei die Vernetzung, „sowohl mit den Schulen, als auch mit den Kindergärten“, lobt Dunker, die bereits die neuen Schüler für 2013 und 2014 beobachtet.
Doch auch die Lehrer sehen sich größerem Druck ausgesetzt: Neben dem Unterricht kommen immer mehr Verwaltungsaufgaben auf die Pädagogen zu.
Lehrer als Berater
Das Klischee vom Lehrer, der vormittags Recht und nachmittags frei hat, stimmt nicht mehr. Fachkonferenzen, Team-Sitzungen oder Fortbildungen, beispielsweise zur Vorbereitung auf die Inklusion, bescheren den Lehrkräften längere Arbeitszeiten.
Im Unterricht selbst sei aus dem Lehrer von einst ein „Berater“ geworden, berichtet Gellfahrt. Für die Kinder sei eigenverantwortliches Lernen bereits in der Grundschule angesagt. Dunker schränkt jedoch ein: „Trotzdem muss eine Struktur vorgeben werden. Manche Kinder brauchen einen kleinen ,Tritt‘, andere können selbst entscheiden, wann sie was lernen wollen.“ Für viele Pädagogen, die lange dabei sind, sei das eine Umstellung. „Das merke ich auch bei mir selbst“, so die 55-Jährige .
Trotz gestiegener Anforderungen kann sie sich nichts anderes mehr vorstellen, als mit Kindern zu arbeiten, genauso wie ihre 34-jährige Kollegin: „Es ist ein toller Beruf.“
Voller Pausenhof
Besonders schön sei es, wenn man ehemalige Schüler treffe. „Vielleicht gibt es auch welche, die sich hinterm Busch verstecken, wenn sie uns sehen“, scherzt Gellfahrt: „Aber wenn an den weiterführenden Schulen eine Freistunde ist, dann ist bei uns der Pausenhof voll.“
