Upjever - Der Umgang mit schwerst behinderten Kindern und Jugendlichen sowie Kindern mit „herausragendem Sozialverhalten“ verlangt Jan, Kilian, Cinja, Silas und Jantje viel ab. „Wir haben es mit Kindern zu tun, von denen manche im Rollstuhl sitzen, die wir wickeln müssen, denen wir beim Essen und Trinken helfen müssen“, sagt Silas.
Jan, Kilian, Cinja, Jantje und Silas sind zwischen 19 und 21 Jahre alt und so genannte FSJ-ler: Sie leisten im Heilpädagogischen Zentrum in Upjever mit Kindergarten und Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) ab.
Ein FSJ kann man bei Rettungsdiensten wie DRK oder Johannitern machen, in vielen kirchlichen und kommunalen Einrichtungen, im Bereich der Umweltbildung, in der Kultur und in den Einrichtungen der Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit (GPS).
Viele neue Erfahrungen
Die GPS bietet im Raum Friesland, Wilhelmshaven und im Ammerland in 60 Einrichtungen rund 250 FSJ-Stellen an, sagt Mitarbeiterin Ina Winkler. Zu den GPS-Einrichtungen gehören Werkstätten, Wohnheime, Schulen und Kindergärten wie das Heilpädagogische Zentrum in Upjever. Dort sind die fünf jungen Leute – neben einigen weiteren FSJ-lern – seit zehn Monaten dabei.
Das freiwillige soziale Jahr im Heilpädagogischen Zentrum ist mehr als den Teewagen zu decken. Seminare und Fortbildungen gehören für die Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen verbindlich dazu. Dabei geht es dann um Deeskalation, um unterstützende Kommunikation oder um Erlebnispädagogik.
Es ist ein Jahr voller neuer Erfahrungen und voller Verantwortung, das die jungen Leute sehr beeindruckt hat und reifer werden ließ. „Ich glaube, ich bin in diesem Jahr erwachsen geworden“, sagt Cinja, die 2016 am Mariengymnasium ihr Abitur gemacht hat und sich entschieden hat, vor Beginn des Lehramtsstudiums ein soziales Jahr zu leisten, „Das erweitert den Horizont“, sagt die 19-Jährige. In ihrer Gruppe hat sie es unter anderem mit Autisten zu tun – mit Menschen mit tiefgreifender Entwicklungsstörung insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung und mit einer schweren Beziehungs- und Kommunikationsstörung. „Damit muss man ja auch erstmal richtig umgehen“, sagt die 19-Jährige.
Großzügig honoriert wird die Arbeit nicht. Im FSJ gibt es wie bei allen Freiwilligendiensten nur ein kleines Anerkennungssalär von 400 Euro – für einen Vollzeitaufgabe von 38 Stunden pro Woche. „Man muss schon sehr sozial eingestellt sein, wenn man das macht“, sagt Silas. Dennoch: „Es ist spannend, interessant und wir sind eine tolle Gruppe“, sagt Kilian, der im Anschluss Sonderpädagogik studieren will.
Silas betreut eine der Kleingruppen im heilpädagogischen Kindergarten. Der 21-Jährige wird nachdenklich, wenn er an einige Kinder denkt: „Es ist schlimm, wenn man sieht, wie Erwachsene kleinen Kindern das Leben kaputt machen können. Von wegen die Kleinen bekommen nichts mit. . .“
Silas wie auch die anderen FSJ-er schätzen ihre Aufgebe sehr, doch die öffentliche Anerkennung könnte insgesamt größer sein für alle, die sich für ein FSJ entscheiden, finden sie. Die Aufgabe, gerade im Umgang mit behinderten Menschen, sei Grundlage für emotionale Intelligenz und Charakterbildung.
Kilian ist in einer Gruppe der Schule eingesetzt. Das ist eine Klasse mit sechs schwerst behinderten Kindern, viele haben einen sehr geringen Wortschatz. Am Anfang habe er viel Mitleid empfunden, inzwischen behandelt er seine Schützlinge wie jeden anderen Menschen auch. Einmal die Woche fährt er mit den Kindern und weiteren Betreuen und Heilpädagogen zum Einkaufen nach Schortens.
Viele Stellen unbesetzt
Auch Jan aus Schortens will nach dem FSJ dranbleiben, könnte sich eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten vorstellen und will darauf aufbauend später Erzieher werden. „Wir haben hier im täglichen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen auch schon viel mit Pädagogik zu tun. Das gefällt mir“, sagt der 20-Jährige.
Elke Brüggestrath ist stellvertretende Leiterin des Kindergartens im Heilpädagogischen Zentrum in Upjever. 86 Kinder aus dem nördlichen Landkreis Friesland und dem Harlingerland werden in Kindergarten und Schule von fast ebenso vielen Fachkräften, Ehrenamtlichen und FSJ-lern betreut. „Die FSJ-ler heben einen großen Stellenwert für uns“, sagt Brüggestrath. 28 FSJ-Stellen gibt es im Haus, aktuell konnten nur 20 Stellen besetzt werden und für das kommende freiwillige Soziale Jahr sind ebenfalls noch viele Stellen unbesetzt.
Für die FSJ-ler selbst hat das Jahr neben all den Erfahrungen auch einen ganz pragmatischen Wert: Sie können sich das Jahr für zwei Wartesemester anerkennen klassen.
