Das Lutherstift in meinem Heimatort Falkenburg/Habbrügge hat eine lange Tradition. Anfang 2008 hat die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers die Trägerschaft aus finanziellen Gründen aufgegeben. Dadurch wurde die gemeinnützige GmbH „Bildungszentrum Lutherstift Falkenburg“ gegründet. Seit dem 1. September 2010 hat dieses neue Bildungszentrum mit Dr. Edith Aschenbrenner eine neue Geschäftsführerin. Wenn ich den Titel „Power-Frau“ vergeben müsste – sie wäre eine ganz „heiße“ Kandidatin.
Gleich bei der Begrüßung merkte ich an ihrer Sprache: Edith Aschenbrenner kommt aus Bayern. Geboren wurde sie 1968 in Erding bei München. Ihr Vater war dort Bierbrauer. Aber schon kurz nach ihrer Geburt zogen die Eltern mit ihr nach Arrach im Bayerischen Wald. Ihre Eltern übernahmen den kleinen Bauernhof ihrer Großeltern. In der freien Natur spielen, mit dem Papa Trecker fahren oder mit ihm Hütten bauen – noch heute ist Edith Aschenbrenner ihren Eltern dankbar, dass sie und auch ihre beiden jüngeren Geschwister so aufwachsen konnten.
Aber ihre Jugend war auch von der Arbeit geprägt. Nicht so sehr, dass sie auf dem Hof mitarbeiten musste, sondern dass ihr Vater neben dem Hof auch noch in einer Fabrik gearbeitet hat. An Urlaub und Freizeitaktivitäten außerhalb des Hofes war kaum zu denken. „Schon früh war mir klar, dass ich später etwas im sozialen Bereich machen wollte“, erzählte sie mir.
So machte Edith Aschenbrenner nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung als Erzieherin. Dabei gewann sie die Erkenntnis, dass die Zusammenarbeit mit Kindern mit geistiger Beeinträchtigung ihr sehr am Herzen liegt. „Ich hatte sofort den Zugang zu diesen behinderten Menschen“, erklärte Edith Aschenbrenner mir. Nach der Ausbildung leitete sie eine Gruppe in der Dr.-Loewschen-Einrichtung. Dort wurden elf Männer mit geistiger Beeinträchtigung betreut. Die Arbeit gefiel Edith Aschenbrenner, aber immer mit dem Gedanken: „Ich muss noch mehr lernen!“ So studierte sie vier Jahre an der Fachhochschule in Regensburg Sozialpädagogik (Fachrichtung: Behindertenhilfe) und schloss mit der Note „Sehr gut“ ab.
Als frisch gebackene Diplom-Pädagogin befasste sie sich in einer Reha-Klinik in Schaufling mit der Reintegration von Schädel-Hirn-Verletzten. Dieses Programm war einzigartig in ganz Deutschland. Nach zwei Jahren kam wieder der Gedanke: „Ich will noch mehr wissen!“ – und das in zweierlei Hinsicht. Einmal beruflich und dann wollte sie auch raus aus ihrer bayrischen Heimat.
Da Edith Aschenbrenner von der Uni Oldenburg die schnellste Zusage bekam, fing sie hier ein Studium an mit den Schwerpunkten Sonderpädagogik und Erwachsenenbildung. Sowohl beim Studium in Regensburg als auch in Oldenburg verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt mit diversen Jobs selbst. Ihre Diplomarbeit umfasste 400 Seiten.
Professor Jörg Schlee (Sonderpädagogik an der Uni Oldenburg) ermunterte sie, zusätzlich ihren „Doktor“ zu machen. Im November 2004 hatte sie aber beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft eine halbe Stelle als Pädagogische Mitarbeiterin im Jugendbereich angetreten, noch eine freiberufliche Tätigkeit in sozialen Einrichtungen und Schulen.
„Bei der Doktorarbeit habe ich mich gequält“, erzählte mir Edith Aschenbrenner. „2006 hatte ich dann keinen Bock mehr und habe die Doktorarbeit beiseite gelegt.“ Ihr Doktorvater fragte immer wieder leise an, bis sie 2008 einen neuen Anlauf nahm. Ab Januar 2009 wurde sie beim BNW Fachbereichsleiterin und aus der halben wurde eine Vollzeitstelle. Trotzdem hatte sie den eisernen Willen, ihren Doktortitel zu schaffen. Von Juni 2008 bis Juli 2009 opferte sie jede freie Minute der Arbeit zum Thema „Lehrerbildung unter mikrostruktureller Perspektive“. Nicht selten begann der Tag um 4.30 Uhr.
Als sie im Sommer 2010 das Angebot bekam, Geschäftsführerin im Lutherstift zu werden, bat Edith Aschenbrenner um Bedenkzeit. „Es war doch eine große Herausforderung“, erzählte sie mir. Da sie aber bisher keine Herausforderung gescheut hatte, nahm sie das Angebot gerne an. „Ich bin angekommen“, sagt Edith Aschenbrenner auf meine Frage nach einem ersten Zwischenfazit. „Es ist zwar vieles auf mich zugerollt, aber meine über 30 Mitarbeiter haben mir sehr geholfen.“
Edith Aschenbrenner reichte mir das Programmheft für das zweite Halbjahr. „Wir haben unser Bildungsangebot ausgeweitet und ergänzt. Arbeit mit Menschen mit Behinderung, aber auch Kunst und Falkenburger Konzerte sind nur ein Teil unseres reichhaltigen Angebotes.“ Die Scheune werde gerne für Familienfeiern gebucht. „Die Menschen sollen sich hier auf dem traumhaften Gelände wohlfühlen.“
Edith Aschenbrenners Traum ist es, auf dem Gelände ein öffentliches Café einzurichten. Hier sucht sie noch nach einem geeigneten Partner. In ihrer knappen Freizeit geht sie mit ihrem Hund gerne in ihrem Wohnort Westerburg spazieren. Ein Muss ist einmal im Jahr Skifahren in Österreich. „Da kann ich auf der Piste einmal richtig Vollgas geben!“
