GANDERKESEE - An diesem Sonnabend jährt sich zum 20. Mal der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Wo sich vielerorts beim Thema Inklusion dicke Sorgenfalten in den Gesichtern der Verantwortlichen abzeichnen, sieht man in Ganderkesee dem von Kultusminister Bernd Althusmann anberaumten Gesetzesentwurf gelassen entgegen. „Wir haben uns auf den Weg gemacht, bevor das Gesetz umgesetzt wurde“, erklärt Ursula Dunker, Rektorin der Grundschule Heide. Die sechs Grundschulen der Gemeinde haben sich bereits im vergangenen Jahr zusammen getan und ein Regionales Integrationsprojekt gestartet. „Bevor wir nur noch reagieren können, agieren wir lieber“, erklärt Frank von der Aa, Rektor der Grundschule Dürrerstraße.

Die Schulen arbeiten dabei ganz eng mit der Förderschule am Habbrügger Weg zusammen. Schulleiter Werner Köhler sieht dies positiv. „Wir brauchen auch manchmal den Blick ins Reguläre“, so der Pädagoge. In zwei Jahren wird seine Schule keine Unterstufe mehr haben, da alle Kinder an die Regelschulen gehen werden. Arbeitsplätze fallen dadurch aber nicht weg „Es werden 160 Lehrerstunden in die Grundschulen umgesiedelt. Die Arbeit wird nicht weniger, sondern nur anders“, betont Köhler. Innerhalb seines Kollegiums hat sich ein Team gebildet, das Schulungen für Lehrer durchführt, um mit den neuen Bedingungen umzugehen. Dabei ist die Arbeit mit beeinträchtigten Kindern für kaum eine Grundschule in Ganderkesee noch Neuland. „Wir haben jedes Jahr Kinder mit Handicap. Wir haben es immer möglich gemacht“, sagt Ursula Dunker. So sieht es auch Rita Wieneke, Leiterin der Grundschule Lange Straße. „Ich hab schon Kinder mit Körperbehinderung gehabt, da gab es das Wort ,Inklusion’ noch gar nicht.“

Frank von der Aa macht aber klar: „Es ist ein Kraftakt für alle Beteiligten.“ So nehme die neue Aufgabe viel Zeit in Form von Vorbereitungen und Absprachen in Anspruch. Auch fehle das Fachwissen den Regelschulpädagogen. „Wir arbeiten mit zwei Lehrerinnen der Förderschule zusammen. Die geben den Kolleginnen Ratschläge, die diese auch gerne annehmen. Es ist ein Geben und Nehmen“, so von der Aa.

Schon jetzt sind Kinder mit Lernbeeinträchtigungen oder auch motorisch beeinträchtigte Kinder an den Grundschulen. Sie gehen in die gleichen Klassen wie normal entwickelte Kinder und lernen im Klassenverbund. Dass es funktioniert, liegt an der Entwicklung des schulischen Lernens in den vergangenen Jahren: Die Kinder eignen sich den Stoff kaum noch bei Frontalunterricht an, sondern erarbeiten ihn in Projekten. „Die Kinder erklären einen Sachverhalt anderen Kindern und so lernen sie voneinander“, erklärt Wieneke. So entstünden auch Freiräume für die Pädagogen sich individuell um einzelne Kinder zu kümmern, ohne dass andere auf der Strecke blieben.

Die Kinder kümmert das alles wenig: „Kinder gehen mit dem ,Anders sein’ anders um, weniger problematisch. Für sie ist es selbstverständlich“, erklärt von der Aa.