Ganderkesee/Landkreis - Die Masern werden als „Kinderkrankheit“ bezeichnet – das klingt so harmlos. Doch eine Ansteckung kann tödlich verlaufen. Sind Kinder jedoch einmal geimpft, so hält dieser Schutz ein Leben lang – so wie bei einer überstandenen Erkrankung, da die Ansteckung nur einmalig erfolgt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will daher eine Masern-Impfpflicht einführen. Nicht geimpften Kindern soll der Besuch einer Kindertagesstätte verwehrt werden können. Wie diese Ankündigung vor Ort bewertet wird, hat die NWZ bei Behörden und Einrichtungen nachgefragt.
95 Prozent sind das Ziel
„Das Beschämende ist, dass wir in Deutschland und Europa keine adäquate Durchimpfungsquote erreichen“, konstatiert Dr. Leonhard Hamschmidt vom Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg. Eine Quote von 95 Prozent sei notwendig, um diejenigen zu schützen, die nicht geimpft werden können – wie zum Beispiel Säuglinge. Das Gesundheitsamt befürworte daher eine Impfpflicht, damit die notwendige Impfquote erreicht werden kann, so Hamschmidt. Nach seinen Angaben hat es 2018 im Landkreis Oldenburg mindestens eine Masern-Erkrankung gegeben.
CDU/CSU und SPD sind sich einig: Eine Impfpflicht schützt und hilft, Masern zu bekämpfen. Die Grünen halte Impfungen zwar für das richtige Mittel, eine Pflicht jedoch für den falschen Ansatz. Diese vergraule auch diejenigen, die bisher noch keine Vorbehalte gegen Impfungen haben. Vielmehr fordern sie den Abbau bestehender Hürden, wie zum Beispiel einen elektronischen Impfpass. Zur erfolgreichen Bekämpfung von Masern ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) eine Impfquote von 95 Prozent notwendig.
Auch Experten diskutieren Spahns Vorhaben. Während die Bundesärztekammer den Schritt des Gesundheitsministers begrüßt, spricht sich RKI- Präsident Wieler gegen eine Pflicht aus, da es die Lager der Impfbefürworter und -gegner nur noch stärker spalte.
Die Behörden bemühen sich, Eltern und Kinder mit Informationsveranstaltungen von den Vorteilen einer Impfung zu überzeugen. Unter den nicht geimpften Menschen befänden sich nur wenige bewusste Verweigerer – den größten Anteil machten diejenigen aus, die sich vom Gesundheitssystem entfernt hätten. Diese Familien seien oft nur schwer zu erreichen.
Thema ist brandaktuell
Edith Ohlenbusch, Leiterin der Kita Sonneninsel in Bookholzberg, konnte sich am Dienstag zu Für und Wider einer Impfpflicht noch nicht äußern. Die Diskussion sei schließlich noch ganz am Anfang. Das Thema sei aber unter Mitarbeiterinnen und beim Träger, der Lebenshilfe, derzeit brandaktuell.
Bisher, so erklärt Ohlenbusch, muss bei der Anmeldung von Kindern für die Kita eine Kopie des Impfpasses eingereicht werden. Gibt es diesen nicht, sei eine schriftliche Bestätigung eines Arztes erforderlich, dass eine Impfberatung mit den Erziehungsberechtigten stattgefunden hat. Der letzte Masern-Vorfall in der Kita Sonneninsel liege viele Jahre zurück, so Ohlenbusch. „Bisher hatten wir damit keine Probleme.“
Ernsthafte Gründe, die gegen eine Impfung sprechen, sieht Dr. Leonhard Hamschmidt nicht: Nur sehr selten komme es zu Komplikationen. Dem Einwand, dass der Anspruch körperlicher Unversehrtheit verletzt werde, entgegnet der Amtsarzt: „Wo die Freiheit anderer anfängt, hört die eigene auf.“
Information statt Pflicht
Erziehern steht derzeit frei, ob sie sich gegen Masern impfen lassen, sie müssen aber vom Arbeitgeber über Risiken am Arbeitsplatz informiert werden. „Bei der Erstanstellung muss eine Belehrung durch das Gesundheitsamt erfolgen, danach alle zwei Jahre in der Kita“, sagt Meike Saalfeld, Sprecherin der Gemeindeverwaltung in Ganderkesee.
Auch das Kreisgesundheitsamt hat in den beiden vergangenen Jahren vermehrt Nachfragen von Eltern zu Masern verzeichnet. Wird ein Fall von Masern bekannt, wird laut Hamschmidt der Impfstatus überprüft. Nicht geimpfte Kinder würden für 14 Tage vom Kita-Besuch ausgeschlossen, um eine Ansteckung zu vermeiden.
Das erklärte Ziel ist die Ausrottung von Masern – und das sei möglich. Jedoch bedarf es nach Hamschmidts Meinung gesetzlichen Drucks: „Mit Freiwilligkeit wird man das nicht hinkriegen, das ist sehr bedauerlich.“
