GANDERKESEE - Was darf ich, was nicht? Es gibt eine Zeit im Leben von Heranwachsenden, in der die Antwort auf diese Frage manchmal ungeklärt ist. Finanziert durch den Landkreis förderten Sozialpädagogen in der Haupt- und Realschule Ganderkesee neue Umgangsformen unter den Schülern.
Petra Furmanek arbeitet beim Frauen- und Mädchentelefon „Aufwind“. Sie wird bei ihrer Arbeit mit Missbrauchsfällen konfrontiert, die durch Prävention hätten verhindert werden können. In der 7a in Ganderkesee hat sie mit dem Sozialpädagogen Helmut Dannemann eine Grundlage für gegenseitige Verständigung geschaffen.
Körperliche Übergriffe
„Oft werden Jungs aus Unsicherheit übergriffig. Sie werfen mit Sachen, schreien oder begrapschen die Mädchen“, sagt Furmanek. Dies geschehe auch, weil auf beiden Seiten vieles nicht offen kommuniziert werde, sondern unterschwellig ablaufe. Die Entwicklungsstufen seien so unterschiedlich, dass manche Mädchen bereits Interesse an Körperlichkeiten hätten, während andere darauf rein ablehnend reagierten.
Als Bezugsperson für die männlichen Schüler hatte Kollege Dannemann eine Schlüsselfunktion. Erst waren Jungen und Mädchen getrennt betreut worden, dann sollten sie in der Gruppe Vertrauen zueinander aufbauen. Dies geschah durch Spiele, in denen sich die Kinder darauf verlassen mussten, dass sie die anderen auffangen würden.
Nach dieser Grundlage ging es ans Eingemachte. Die Teilnehmer sollten eine Filmszene nachspielen, in der es zu einer Vergewaltigung kommt. „In der Szene ist der Missbrauch nicht geplant. Nur weil sich niemand traut zu handeln läuft die Situation aus dem Ruder“, erklärt Furmanek.
„Sich trauen“ sollten die Heranwachsenden von Anfang an. „Wir haben ein Stop-Zeichen vereinbart und besprochen, wie man Grenzen setzt“, sagt die zwölfjährige Juliane Büchner.
Lehrerin Birthe Andresen bemerkte nach Abschluss des Projekts einen deutlichen Unterschied. „Der Zusammenhalt ist gestärkt und viele Missverständnisse ausgeräumt worden“, sagt die Pädagogin.
Dannemann erklärt, dass Kinder automatisch das Verhalten ihrer Bezugspersonen nachahmen würden. Fehlverhalten zwischen erwachsenen Männern und Frauen werde oft übernommen. Auch ist er der Ansicht, es müsse Zeiten für getrennte Schulstunden geben. Viele intime Fragen würden sonst nicht gestellt.
Grenzen und Brücken
Natürlich ging es bei den Gesprächen unter den Geschlechtern nicht nur um Grenzen. Was beide Seiten aneinander mögen, wollten die Pädagogen wissen. Bei den Mädchen waren das: Humor, Körperbau und Selbstbewusstsein. Was sie nicht so gut fanden war Macho-Gehabe.
Juliane verwirrten die Antworten der Jungs: „Die finden Kleidung und Haare an uns gut, das ist irgendwie komisch“, sagt die Jugendliche. Außerdem wünschten sich die Jungs, dass die Mädchen weniger zickig und nicht so neugierig wären. Manche Dinge ändern sich eben nie.
