Ganderkesee - Die gute Nachricht: Immer mehr Jugendliche sind musikalisch aktiv – die schlechte: An Kindern aus einkommensschwachen Familien und solchen mit niedrigerem Bildungsstand geht dieser Trend vorbei. Das besagt eine Bertelsmann-Studie, die am Montag vorgestellt wurde (die NWZ berichtete).

Laut dieser Studie sind knapp 30 Prozent der Jugendlichen musikalisch aktiv gewesen; zwischen 2001 und 2005 nur 19 Prozent. Besucht ein Jugendlicher nicht das Gymnasium, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er Musik macht um 50 Prozent. Während ein Drittel der Jugendlichen aus einkommensstärkeren Haushalten Musikunterricht erhält, sind es in Haushalten mit geringem Einkommen nur acht Prozent.

Den generellen Aufwärtstrend bestätigt Carsten Schulte, Leiter der Musikschule Ganderkesee. „Jugendliche machen definitiv mehr Musik“, sagte er auf NWZ-Nachfrage. Eine mögliche Erklärung aus seiner Sicht: Internet-Plattformen wie Youtube. Jugendliche würden über Tutorials (Spielanleitungen) versuchen, die Lieder ihrer Idole nachzuspielen, dann aber feststellen, dass sie damit allein nicht weiterkommen.

Vor allem der Anteil der Zwölf- bis 15-Jährigen wächst laut Schulte. Einen Einbruch beobachtet er nach dem Schulabschluss: „Nach dem Abitur beginnt eine neue Lebensphase, da bleibt für Musikunterricht wenig Raum.“

Etwa 90 Prozent der Schüler der privaten Musikschule besuchen das Gymnasium. Bestätigt sieht Schulte das Ergebnis der Studie auch in puncto Einkommen: Zwar dürfe seine Musikschule Bildungsgutscheine annehmen, doch die Ermäßigung entlaste finanzschwache Familien kaum. Statt 66 Euro koste der Einzelunterricht dann noch immer 56 Euro monatlich, so Schulte. „Dieses Geld benötigt die Familie an anderer Stelle.“

Die Kosten sieht Schulte klar als Hürde für den Zugang einkommensschwächerer Schüler zum Musikunterricht. Der günstigere Gruppenunterricht stelle nur bedingt eine Alternative dar und gehe zu Lasten des pädagogischen Anspruchs, findet er.

Rafael Jung, Geschäftsführer der Musikschule des Landkreises Oldenburg, sieht nicht allein in den Kosten die Ursache dafür, dass nur wenige Schüler aus einkommensschwachen Familien den Weg in die Musikschule finden. Vor allem die Stimmung im Elternhaus, die Einstellung zu Kultur im Allgemeinen, beeinflusse, ob Kinder für den Musikunterricht angemeldet werden.

Von knapp 1700 Schülern der öffentlichen Musikschule nehmen laut Jung gerade einmal 43 die Sozialermäßigung in Anspruch, die die Unterrichtsgebühren um 50 Prozent senkt. Etwa die gleiche Anzahl löse den Bildungsgutschein aus dem Teilhabepaket ein.

„Vom Einkommen müsste es nicht abhängen, ob jemand Musikunterricht erhält oder nicht“, betonte Jung im Gespräch mit der NWZ. Gruppenunterricht sei mit beiden Ermäßigungen bereits für 5,25 Euro monatlich zu bekommen. „Auch im Gruppenunterricht kann man weit kommen“, meint der Musikschulchef.

Den Anstieg der Schülerzahl in seiner Einrichtung führt Jung vor allem auf die Kooperationen mit Kindergärten und Schulen zurück. 600 Kinder aus allen Einkommensklassen würden darüber erreicht – jedenfalls für einen begrenzten Zeitraum. Nach Projektende blieben wenige Kinder aus einkommensschwachen Familien dabei.

Ältere Jugendliche werden an der Musikschule des Landkreises, die in Ganderkesee ihre zweitgrößte Niederlassung betreibt, immer weniger unterrichtet. Die Ursache sieht Jung in der Ganztagsschule: „Die fährt uns mächtig in die Parade!“ Wenn die Schüler am späten Nachmittag nach Hause kommen, würden ihnen schlichtweg Zeit und Energie fehlen, um sich noch zum Musikunterricht aufzuraffen.

Karoline Schulz
Karoline Schulz Redaktion Ganderkesee