Eckfleth - „Gefühle“ – dieser Begriff markiert ein weites Feld und nicht zuletzt deswegen hat Professor Dr. Annelie Keil ihrem Referat, das sie vor den Landfrauen aus Elsfleth, Moorriem und Altenhuntorf im voll besetzten Eckflether Kroog hielt, den Titel „Gefühlslandschaften“ gegeben.

So wie Landschaften ganz unterschiedlich sind, ist das Spektrum der Gefühle ähnlich. Von „himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt“ sagt der Volksmund. Über zwei Stunden, die wie im Fluge vergingen, spürte Annelie Keil der Frage nach, wie Ärger und Wut, Angst, Neid oder Eifersucht die Kraft haben, sich „in unser Leben einzumischen“.

Der emeritierten Bremer Professorin für Soziologie sind viele dieser Facetten nicht unbekannt – nach Kriegsende flüchtete Keil mit ihrer Mutter aus dem heute polnischen Gebiet, im Westen gelang ihr trotz ärmlicher Verhältnisse das Abitur, zu studieren und im Laufe der Jahre machte sich die Soziologin einen Namen auf diversen Fachgebieten, über die sie auch in Fernsehsendungen referierte.

Zu den weiteren Tätigkeiten der 77-Jährigen zählen ihr Engagement für Flüchtlinge und die Arbeit in Hospizen. „Krankheit und Tod, Arbeitslosigkeit, Misserfolge, Enttäuschungen oder Trennungen – alle diese großen Veränderungen im Leben sind mit negativen Gefühlen besetzt und man hat nicht immer alles fest in der Hand“, befand Keil, „dazu werden wir immer älter und nirgendwo steht geschrieben, wie das für uns zu funktionieren hat.“

Laut Keil bestimmen Gefühlslandschaften unser ganzes Leben. Gefühlslandschaften in den aktuellen politischen Debatten zum Thema „Flüchtlinge“ erregten besonders ihren Zorn: „Die Art wie Politiker zurzeit in öffentlichen Debatten diskutieren und andere diffamieren, halte ich für eine Katastrophe.“ Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, dieses biblische Gebot hält Annelie Keil für eines der Wichtigsten, nicht nur im christlichen Sinne.

Ihren Zuhörerinnen riet sie, zu überlegen, welchen Rang der Begriff Ärger in deren Leben einnimmt, ob sie sich zu Opfern oder Tätern zählten. Aber auch positive Gefühle sollten näher betrachtet werden. Keil: „Gefühlslandschaften sind wie Farben und Tapeten, mit denen wir unser Leben anmalen, aber Teile des Lebens können eben auch farblos sein.“ Was ist Glück? Auch darauf wusste Keil eine Antwort. Ein syrischer Flüchtlingsjunge habe auf diese Frage geantwortet: „Wir sind mit einem ganz kleinen Boot über das Wasser gefahren und danach hat mein Papa mich eine Woche lang immer getragen – das fand ich toll!“ Keil: „Alles eine Frage des Standpunkts.“

Zusammenfassend schloss die Rednerin: „Gefühle regulieren unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und sie verhelfen zu Bewertungen im positiven wie negativen Sinne. Wir Menschen sind das Orchester zur Welt – wir haben alle Instrumente an Bord, mit denen wir unser Leben und unsere Gefühle bestimmen können.“