Ihr Vortrag hat das Thema „Ernährungstrends – Ist Gemüse das neue Fleisch? Isst man glutenfrei besser?“ Was ist an dem Hype neu, und was ist mit Hype genau gemeint?

Karin Nichter-WolgastBeim Thema gesunde Ernährung geht es längst nicht mehr darum, den Hunger zu stillen, satt zu sein, ausreichend mit allen lebensnotwendigen Stoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen versorgt zu sein. Einfach nur essen und trinken war gestern. Essen ist zu einer komplizierten Angelegenheit geworden. Viele möchten es richtig machen, aber die Verwirrungen darüber, was das Richtige ist, lässt sie von Rohkost über Clean Eating und die Paleo-Diät bis zu gluten- und lactosefreien Produkten greifen. Der Anspruch „Ich esse vegan, weil ich damit am wenigsten falsch machen kann“ ist erschreckend, aber bringt es meines Erachtens auf den Punkt. Zudem spielen Aspekte wie Selbstverwirklichung, „Ich bin Veganer heißt es, nicht ich esse vegan“ – Individualisierung und Moral beim Essen und Trinken eine zunehmend größere Rolle. Einige Experten sprechen bereits vom Essen und Trinken als neuer Ersatzreligion.

Die Referentin

Karin Nichter-Wolgast von der Landwirtschaftskammer in Oldenburg befasst sich bei ihrer Arbeit mit Ernährung und Lebensmittelqualität. Ihr Vortrag beginnt an diesem Montag um 20 Uhr in Rabes Gasthof in Wiefelstede.

Warum entwickeln sich Trends wie vegan oder glutenfrei zu Hypes?

Nichter-WolgastZum einen ist es chic, anders zu essen als andere. Fast kommt es einem schon so vor, dass wenn man am Büffet mit seinen Nachbarn spricht und keine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat, nicht interessant ist. Bei glutenfreien Produkten kann ich nur sagen, geschicktes Marketing. Die Bezeichnung glutenfrei groß vorne auf der Produktpackung platziert suggeriert ja, „gut, dass das da nicht drin ist“. Es wird sich um ein besonders gesundes Produkt handeln.

Bestseller wie „Dumm wie Brot“ oder „Weizenwampe“ sowie Promis, die diese Ernährungsweise praktizieren und angeblich beachtliche Erfolge beispielsweise beim Abnehmen damit erzielen, fördern ebenfalls diesen Hype. Doch falsch! Für Betroffene, beispielsweise Zöliakiepatienten, sind glutenfreie Produkte ein Segen. Für alle gesunden Menschen sind diese Produkte schlichtweg unnötig. Ernährungsphysiologisch betrachtet sogar oftmals schlechter zu beurteilen als die normalen Produkte.

Bei der veganen Ernährung ist das anders. Hier gibt es viele Beweggründe, die Menschen diese Ernährungsform wählen lassen: gesundheitliche, ökologische, geschmackliche, religiöse und tierethische Gründe sind zu nennen, wobei die tierethischen Gründe (die Kritik an der modernen Tierhaltung) am häufigsten genannt werden.

Hat der Hype auch positive Seiten?

NIchter-WolgastJa, absolut. Menschen, die die verschiedenen neuen Essmoden, Esstrends praktizieren – überwiegend junge Menschen – interessieren sich für die Qualität der Produkte und wollen wissen, was drin ist, wo es herkommt und was man damit macht. DIY – do it yourself – ist aktuell auch ein großer Trend, von einfach nur gemeinsam mit Freunden kochen und gemeinsam essen bis Fermentieren oder selbst Marmelade kochen. Das geht bis zum Anbau von Salat und Tomaten auf dem Balkon für den eigenen Salat.

Was gibt es für negative Seiten?

NIchter-WolgastJede einseitige Ernährungsform birgt das Risiko einer nicht mehr ausreichenden Zufuhr an allen lebensnotwendigen Stoffen. Denn es gibt weder ein pflanzliches noch ein tierisches Lebensmittel, das alle Nährstoffe wohlausgewogen für den menschlichen Körper bereitstellt. Mit Ausnahme der Muttermilch. So ist beispielsweise Vitamin B12 nur in tierischen Lebensmitteln enthalten und Veganer müssen es über angereicherte Lebensmittel als Nahrungsergänzungsmittel aufnehmen, also in Form von Pillen und Co. oder mit einer Zahnpaste.

Wie sähe ein „vernünftiger Umgang“ mit den Trends aus, und wie kann ich beispielsweise meinen Kindern einen guten Umgang mit Lebensmitteln beibringen?

NIchter-WolgastSeien Sie Ihren Kindern ein Vorbild. Essen und trinken Sie vollwertig und ausgewogen. Zur Orientierung gibt es hier die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Kochen Sie mit Ihren Kindern gemeinsam, und streifen Sie mit ihnen beispielsweise über den Wochenmarkt, damit sie Obst und Gemüse der Saison kennenlernen, erleben und mit allen Sinnen wahrnehmen können.

Essen Sie achtsam, gemeinsam mit Allen am großen Tisch ohne Smartphone, Fernseher und anderen Dingen, die Aufmerksamkeit erfordern. Essen Sie in Ruhe gemeinsam, und sprechen Sie über angenehme Dinge. Kein Stress am Esstisch! Und Regeln ja, aber keine Verbote. Denn Verbote sind oftmals nur dazu da, übertreten zu werden: zum Beispiel das Verbot, Süßigkeiten zu essen. Besser gemeinsam eine Tages- oder Wochenration – je nach Alter der Kinder – vereinbaren.

Was können wir besser oder anders machen, um nicht dem Hype zu verfallen?

NIchter-WolgastIch bin froh, dass Sie diese Frage stellen. Neben dem Elternhaus sehe ich auch unsere Bildungseinrichtungen in der Pflicht. Denn genau wie Lesen und Rechnen muss richtiges Essen gelehrt und gelernt sowie trainiert werden. Und das in Theorie und Praxis. Denn was Hänschen nicht lernt, lässt Hans unsicher vor den Regalen des Supermarktes stehen.

Mareike Fangmann
Mareike Fangmann Redaktion Münsterland