Oldenburg - Singen, Tanzen, Sport und ein Schulpferd: Was an der Schule an der Kleiststraße möglich ist, kann man sich im Irak nur schwer vorstellen. Um mehr über die Arbeit der Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung und ähnliche Einrichtungen zu erfahren, sind noch bis Mitte Dezember zwei Gastwissenschaftler aus dem Irak zu Besuch in Oldenburg.

Dr. Muhammed Saeed und Radwan Saeed sind Dozenten in dem neu etablierten Studiengang „Disability Studies and Rehabilitation“ an der irakischen Universität Duhok, die sich etwa 50 Kilometer Luftlinie von der stark umkämpften Stadt Mossul befindet. In Oldenburg wollen sie Sonder- und Rehabilitationspädagogische Systeme kennenlernen, um etwas Ähnliches im Irak aufbauen zu können. Auch von der universitären Lehre in diesem Bereich wollen sie sich etwas abgucken. „Wir geben die Informationen an Duhok weiter“, so Muhammed Saeed

Enger Kontakt zu Oldenburg: Der Studiengang geht mittlerweile ins dritte Jahr und wurde von Professor Dr. Monika Ortmann der Universität Oldenburg initiiert. „Duhok war sehr daran interessiert das aufzunehmen“, so die Projektleiterin. Denn laut Ortmann fehlt im Irak die notwendige Unterstützung für Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen. „Die nehmen nicht richtig am Schulunterricht teil“, sagt Muhammed Saeed – oder werden sogar vor der Öffentlichkeit versteckt.

Das ist in der Kleiststraße unvorstellbar. Dort wird den Dozenten noch bis diesen Dienstag das Konzept und die Zielsetzung der Schule erklärt. Mathe, Sport und der Chor in einer Förderschule: Sie bekommen alltägliche Einblicke in verschiedene Bereiche der Schule. „Das sind Modelle, die im Irak völlig unbekannt sind“, so Monika Ortmann.

Obwohl Übersetzer die zwei Wissenschaftler während ihres knapp dreimonatigen Aufenthalts begleiten, sind sie in der Schule nicht immer darauf angewiesen. Mit den Kindern können sie sich auch über Gestik und Mimik verständigen. „Da gibt es gar nicht so viele Berührungsängste“, so der Förderschullehrer Jan Bayer über die Interaktion zwischen Schülern und Gästen. Dabei sind besonders bei den älteren Schülern die aktuellen Nachrichten ein Thema. Sie stellen politische Fragen über den Irak.

Durch die Gäste decken sich auch an der Schule neue Perspektiven auf: Bayer findet es interessant, welche Fragen die Wissenschaftler aus dem Irak mitbringen – dadurch sieht er, wie weit Deutschland im Bereich Sonderpädagogik und Inklusion ist. „Vieles ist hier schon selbstverständlich.“

Dem Irak steht in diesem Bereich allerdings noch ein sehr langer Weg bevor: Laut den Dozenten ist in Duhok die erste irakische Universität mit einem solchen Studiengang. Jedoch haben noch sechs weitere irakische Universitäten Interesse bei der Oldenburger Projektleiterin Monika Ortmann an einer Implementierung ähnlicher Studiengänge gezeigt.

Anna-Lena Sachs
Anna-Lena Sachs Online-Redaktion (stv. Ltg.)