HARPSTEDT - „Ich bin ein Vogel.“ Der knapp vierjährige Sandro thront stolz oben zwischen Baumästen. Angst hat er nicht: Der Kletterbaum ist sein Lieblingsplatz. Derweil begeistern sich Laura und Pia für ein „Pferd“: einen Stock mit Band als Zügel daran. Und die kleine Tara-Ami spielt gedankenversunken mit Rinde. Ihnen allen genügt für ihr Spiel, was sie in Wald und Natur vorfinden: Einer der Grundansätze im Konzept des Waldkindergartens in Harpstedt. Seit zehn Jahren ergänzt der Kindergarten in Trägerschaft des BUND das Kindergartenangebot in der Samtgemeinde. Ein „Geburtstag“, der am Freitag, 18. September, gefeiert werden soll.
Der Wald als „Gruppenraum“ – das ist für die beiden Vormittagsgruppen des Waldkindergartens, die „Wühlmäuse“ und „Waldfüchse“, Alltag: Gesungen, gespielt, gebastelt und gegessen wird unter freiem Himmel. Lediglich beheizbare Bauwagen stehen bereit als Schutzunterkunft und zum Lagern von Materialien. Am Platz bei den Bauwagen beginnt der Tag morgens auch mit einem Begrüßungskreis; dann geht es hinaus in den Wald, wo an wechselnden Plätzen der Vormittag verbracht wird. Wohin genau es geht, dürfen die Kinder reih-um auch selbst bestimmen: Mal ist es die Ozeanbrücke, mal „Mäusebussardplatz“, „Geisterplatz“ oder auch „Wildschweinbadewanne“. Die Namen sind meist selbst erdacht: Jeder neu entdeckte Platz bekommt einen Namen „danach, was dort entdeckt oder erlebt wurde“, erzählt Erzieherin Nadine de Boer. Mit Sack und Pack ziehen die Kinder zum Tagesplatz, um dort Frühstück, freies Spiel oder angeleitete Angebote zu genießen – „je nachdem, was wir dort vorfinden“, so Erzieherin Andrea
Brockmann. Situativ ergeben sich dann oft Themen, die umfassender behandelt werden. So wurden etwa eingehend die Schmetterlinge behandelt, nachdem die Steppkes viele Raupen entdeckt hatten. Auch in Spiele versuchen die Erzieherinnen das jeweilige Thema einzubauen, um spielerisch Wissen zu vermitteln. „Da vergeht die Zeit meist viel zu schnell“, weiß Erzieherin Sonja Kern.
Auch gebastelt wird – mit natürlichen Materialien: Aus Binsengras wird Schmuck geflochten, mit Messern geschnitzt, mit Zapfen oder Kastanien gestaltet. „Das fördert auch die Feinmotorik“, sieht de Boer keine Defizite im Hinblick auf spätere Anforderungen in der Schule. Positive Effekte gebe es auf Orientierung wie Bewegungsfähigkeit: „Gleichgewicht und Grobmotorik verändern sich enorm.“ Anfangs fielen Kinder oft über Wurzeln und Mulden, doch schon bald „balancieren sie, klettern,trauen sich was“. Auch der Sinn für Natur, hat Mutter Ute Issing beobachtet, wachse durchs Spiel im Wald: „Die Kinder orientieren sich an natürlichen Phänomen.“
