Heidmühle/Upjever - Klettern, Toben, Kräftemessen, etwas aus Baumstämmen und Ästen bauen, sich selbst und andere einschätzen lernen – und das mitten im Wald mit anderen gleichaltrigen Jungen und den beiden Wildnispädagogen Mark Schollmeier und Marcus Gant: Das ermöglicht der ev. Kindergarten Heidmühle den Jungen im letzten Kindergartenjahr kurz vor dem Start in die Grundschule.
„Wir wollten den Jungs mehr Motivation geben, der Rahmen im Kindergarten und der normale Ablauf wurden ihnen zu eng“, sagt Kindergarten-Leiterin Angela Andersen. „Ihre Begeisterung für Neues sollte geweckt werden.“
Viele Väter machen mit
So entstand die Idee, dass die Jungen den Gruppenraum gegen den Wald tauschen – zunächst in einem Jungen-Projekt, das inzwischen zu einer festen Instanz geworden ist. Jedes Jahr zwischen April und Juni sind die meist zwischen 18 und 25 Kinder mit den beiden Wildnispädagogen und Erzieherinnen im Forst Upjever. Und zwar jeweils einmal pro Woche.
Drei Aktionen werden von den Vätern der Jungen begleitet. „Das läuft sehr gut, 99 Prozent der Väter erreichen wir damit“, sagt Angela Andersen. Zu Beginn gibt es immer eine Info-Veranstaltung, dort wird den Vätern der Sinn des Projekts und das pädagogische Konzept erklärt. Die Väter gehen gern mit, sie können sich dann auch mal untereinander austauschen.
Natürlich sind sie aber nicht nur dann dabei, sondern werden generell in den Kindergarten-Ablauf eingebunden. Und zwar alle Väter, nicht nur die der Jungen, berichtet die Kindergarten-Leiterin.
Trotzdem haben Angela Andersen und ihre Kolleginnen die Jungen im Blick, auch nach einem Vortrag des Kriminologen Christian Pfeiffer: der findet, dass Jungenförderung im Bildungssystem dringend nötig ist. Er fordert auf Jungen zugeschnittene Angebote in den Bereichen Theater, Sport, Musik oder Lesen. Außerdem appelliert er an Eltern, Jungen mehr Zuwendung zu geben und „mit ihnen liebevoll und gewaltfrei umzugehen“.
Bei den Jungen kommt der Tag im Wald übrigens super an. „Sie freuen sich immer darauf und sie erzählen oft davon“, sagt Andersen. Spielerisch lernen sie dabei ihren Platz in der Gruppe zu finden und mit anderen Jungs umzugehen. „Und sie können sich an Männern orientieren“, sagt sie.
Bald an Grundschule?
Das Projekt im Kindergarten läuft erfolgreich seit 2012, nun arbeiten die Erzieherinnen an einer Weiterführung in der Grundschule. „Es wäre toll, wenn dort ein ähnliches Angebot realisiert würde“, sagt Andersen. Für das Jungen-Projekt im Forst Upjever braucht der Kindergarten jedes Jahr 3000 Euro Spenden und ist immer auf der Suche nach Sponsoren. In diesem Jahr unterstützt die Landessparkasse zu Oldenburg (LzO) dabei.
Die Mädchen haben inzwischen übrigens auch eine Mädchengruppe. Dort machen sie, was sie gern machen wollen – ohne Jungen.
