HOYKENKAMP - „Die Menschen in Bolivien sind herzlicher, Deutsche sehr ruhig.“ Für Bruna Bowles Olmos ist das der größte Unterschied in der Mentalität der Menschen in ihrer Heimat und in Deutschland. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: „Waltraut und Günter sind wie Bolivianer“, sagt die 17-Jährige über ihre Gasteltern, bei denen sie sich sichtbar wohlfühlt.
Für vier Monate hat der Teenager aus der bolivianischen Millionenstadt Santa Cruz seine Zelte in Hoykenkamp aufgeschlagen und besucht das Gymnasium Ganderkesee. Dass sie mit ihren Gasteltern Waltraut und Günter Stamerjohanns auf einer Wellenlänge liegt, mag auch daran liegen, dass Bruna nicht die erste Bolivianerin ist, die die beiden beherbergen.
Auch Cousine schon hier
Vor 30 Jahren war es Brunas Vater Ronald Bowles Casal, den die Stamerjohanns aufnahmen: „Wir sind durch einen Aufruf im Radio aufmerksam geworden“, erinnert sich Günter Stamerjohanns an die „Spontanentscheidung“. Für junge Menschen aus dem südamerikanischen Land wurden Gastfamilien in Deutschland gesucht. Obwohl Tochter Birgit noch nicht im Alter für einen Austausch war (und jetzt schon aus dem Haus ist), entschieden sich die beiden Hoykenkamper, einen Gast aufzunehmen. Und weil alles funktionierte, wurde 15 Jahre später Brunas Cousine Silvana eingeladen.
Für den früheren Raumfahrtmanager Günter Stamerjohanns, der vor 45 Jahren selber in den USA war und immer noch „sehr engen Kontakt“ zu den Gasteltern hat, haben derartige Austausche gute Gründe: „Man wird anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossener.“ Und beruflich seien „Beziehungsgeflechte heute enorm wichtig“.
Auch wenn Bruna in ihrer Berufsplanung noch nicht so weit ist, erwartet sie sich vom Besuch in Deutschland einiges, vor allem eine Verbesserung der Sprache: „In Bolivien wird in den Schulen nur Spanisch und Englisch unterrichtet“, erzählt sie. Es sei denn, man besucht wie die 17-Jährige die Deutsche Schule. Seit dem zehnten Lebensjahr lernt sie Deutsch, zunächst eine Stunde die Woche, zuletzt wurden vier Fächer auf Deutsch unterrichtet. Das hat ihr geholfen, in Ganderkesee schnell Freunde zu finden.
Seit Ende September hat sie schon einiges gesehen: Berlin, die Meyer Werft und Groningen. Auch die Nord- und Ostsee („Ich war das erste Mal am Meer“). Und trotz für eine Bolivianerin ungewöhnlich kalter Temperaturen hat sie sich barfuß ins Wasser gewagt. An der Ostsee hat Bruna, die nach Ansicht ihrer Gastmutter zu viel Zeit mit Facebook und Co. verbringt („Manchmal muss Mama sagen: Jetzt ist Schluss“), auch eine ihr völlig unbekannte Kommunikationsform kennengelernt: Postkarten für die Familie daheim.
Einmal Schnee sehen
Einen Wunsch konnten die Gasteltern der 17-Jährigen bisher allerdings noch nicht erfüllen: Schnee hat Bruna noch nie gesehen. Und sollte es bis Ende Januar in Hoykenkamp nicht schneien, gehts mit den Gasteltern zur Schneeballschlacht in den Harz.
