Oldenburg - Sie haben den Kopf oft voller Bilder von Gewalt und Flucht. Und voller Fragen: Wo bin ich gelandet? Wie geht es mit mir weiter? Manche können weder lesen noch schreiben. Oder nur in einer anderen Schrift. Und nun sollen sie in diesem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, zur Schule gehen. Flüchtlingskinder in den Unterricht einzubinden, ist für alle eine Herausforderung. Doch auch dort, wo die Integration aufgrund des Engagements von Lehrern und Privatleuten gut funktioniert, stoßen Schulen und Stadtverwaltung inzwischen an ihre Grenzen. „Jeden Tag stehen Kinder und Familien in den Sekretariaten der Schulen“, beschreibt der neue Schulamtsleiter der Stadt, Matthias Welp, die Situation. Diedrich Ahlfeld, Leiter der Berufsbildenden Schulen Haarentor, drückt es drastischer aus: „Im Moment explodiert alles und fliegt uns um die Ohren.“
An seiner BBS werden derzeit 32 eingewanderte Jugendliche – vorwiegend junge Männer der Jahrgänge 1998 und 1999 aus dem Irak und Syrien sowie einige aus Albanien – in zwei Sprachlernklassen unterrichtet. Ihre Vorbildung reicht vom Gymnasialniveau bis zum Analphabetismus. Acht von ihnen müssen Lesen und Schreiben erst beigebracht werden. 48 Lehrerwochenstunden stehen zur Verfügung – eigentlich viel zu wenig. Die zweite Sprachlernklasse ist erst nach den Sommerferien gestartet. Weil bereits 14 Schüler auf der Warteliste stehen, kommt Mitte November eine dritte hinzu. „Wir suchen noch nach Kollegen, die bereit sind, dort zu unterrichten“, sagt Ahlfeld. Zum 1. Februar 2016 soll voraussichtlich eine vierte Sprachlernklasse an der BBS Haarentor eingerichtet werden.
An der Oberschule Ofenerdiek wurden jetzt innerhalb von drei Tagen 16 Flüchtlingskinder angemeldet. Hinzu kommen vier Schüler aus EU-Staaten, die kein Deutsch sprechen. „Es ist selbstverständlich, dass wir alle Schüler aufnehmen, aber wir stoßen langsam, aber sicher an unsere Grenzen – auch räumlich“, sagt der neue Schulleiter Christian Osterndorf. In Kürze soll auch an seiner Schule eine Sprachlernklasse eingerichtet werden. Die Landesschulbehörde hat Osterndorfs Antrag bereits zugestimmt.
Osterndorf wünscht sich, dass die Stadt zwei bis drei Dolmetscher einstellt und zur Unterstützung an die Schulen beordert. Derzeit würden andere Schüler übersetzen. Er begrüßt ebenso wie BBS-Kollege Ahlfeld, dass die Stadt eine Koordinierungsstelle für Kinder aus Flüchtlingsfamilien schaffen wird. „Wir wollen damit zum 1. Dezember beginnen“, kündigt Matthias Welp an. OBS-Leiter Christian Osterndorf wünscht sich auch, dass alle Schulformen zum Mithelfen bereit sind: „Wir können das nur gemeinsam packen.“ Schuldezernentin Dagmar Sachse sagte am Dienstagabend im Schulausschuss, es sei geplant, auch an Gymnasien Sprachlernklassen zu schaffen. Das Neue Gymnasium sei grundsätzlich offen für die Einrichtung, es müssen aber noch passende Räume gefunden werden, informiert Stadt-Sprecher Reinhard Schenke.
Bereitschaft, Flüchtlingskinder aufzunehmen, signalisiert auch Jens Kazmirek, Leiter der IGS Kreyenbrück. „Wir möchten das aber nicht isoliert in einer Klasse tun.“ Der Antrag der Schule, pro Klasse ein bis zwei Plätze freizuhalten, sei jedoch von der Landesschulbehörde abgelehnt worden, bedauert Kazmirek.
Ein weiteres Problem für die Schuldezernentin: Es fehlt an geeigneten Therapeuten, die sich um traumatisierte Schüler kümmern. Die Verwaltung wolle ein Netzwerk für die Beratung und Unterstützung aufbauen, so Sachse. Es sei geplant, gemeinsam mit Therapeuten und der Universität eine Schulungsreihe für Erzieherinnen und Lehrkräfte zu entwickeln.
