Garrel - Über Verständigung spricht Helmut Biemer im Obergeschoss des Johanneshauses am Freitagmorgen. „Was ist Kommunikation?“ „Miteinander sprechen“, wiederholt er. Miteinander und auch mit den deutschen Nachbarn ins Gespräch kommen – das möchten die 14 Frauen und Männer. Sie sind allesamt Flüchtlinge, die in der Gemeinde Garrel wohnen und seit Mitte Dezember den Deutschkursus für Asylbewerber des Bildungswerkes in Garrel belegen.
„Ich schreibe einen Brief“, sagt Helmut Biemer und die Schülern sprechen ihm eifrig nach. „Ich lese ein Buch.“ Beim Unterschied zwischen einer Buchhandlung und einer Bücherei wirds knifflig. Idris, „der Übersetzer“, wie Helmut Biemer ihn nennt hilft mit einer Übersetzungs-App auf dem Smartphone und ruft das Wort für „ausleihen“ auf Persisch in den Raum, damit alle Teilnehmer den Sinn erschließen.
Sie kommen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Idris berichtet mithilfe einer Übersetzungs-App, dass er an der Universität in Sulaimaniyya im Irak am Institut für arabische Sprache studiert habe, bevor er nach Deutschland floh. Wovor? „Vor dem Krieg“, berichtet der junge alleinstehende Mann.
Er lebt im ehemaligen Schwesternwohnheim direkt nebenan – „eine Männer-WG“, sagt Helmut Biemer. Acht junge Flüchtlinge sind dort untergebracht. Einer ist Friseur und schneidet den anderen die Haare. Ein anderer kocht für alle.
Omar ist seit Oktober in Deutschland. Auch er stammt aus dem Irak, aus Mossul. Er sei Kunstmaler, berichtet er, studierte ebenfalls an der Universität. Arbeiten dürfe er hier bislang nicht, bedauert der 31-Jährige.
Joan (28) lebt mit Frau Farida und seinen zwei Kindern seit April in Deutschland. Sie flüchteten vor dem Bürgerkrieg aus Aleppo im Norden Syriens – eine Stadt, in der kaum noch ein Stein auf dem anderen steht. Jetzt wohnen sie an der Schulstraße in Garrel, gemeinsam mit einer weiteren Familie mit drei Kindern. „Uns geht es hier sehr gut“, freuen sich Idris, Omar und Joan über die freundlichen Aufnahme in Garrel. Nur die deutsche Sprache sei nicht gerade einfach zu lernen, ist ihre Erfahrung.
Helmut Biemer ist einer von fünf Dozenten, die im Wechsel unterrichten. Dazu gehören ferner Jana Reinke, Hedwig Müller, Lorain McIllvenny und Patrick Schwindeler. Einsteigen wird demnächst auch Waltraud McIllvenny. Fünf bis sechs Tage in der Woche, vier Stunden täglich, wird unterrichtet. Praktische Einheiten wie Besuche etwa im Fahrradgeschäft folgen. „Es geht darum, Hilfe zu bieten, damit sich die Menschen hier zurechtfinden“, sagt Hubert Looschen, der den Kursus organisiert hatte.
Helmut Biemer hat den Eindruck gewonnen, dass gerade die Frauen motiviert und fleißig seien. Sie seien zunehmend selbstbewusster geworden. Damit sie teilnehmen können, betreut Silke Hogeback die Kinder im Raum gleich nebenan.
Gleichberechtigung von Männern und Frauen: auch das ist ein Thema im Kursus. Die Geschehnisse von Köln, wo mutmaßlich Flüchtlinge junge Frauen sexuell belästigt hatten, habe er zwar nicht explizit angesprochen, gleichwohl aber das Thema Respekt gegenüber Frauen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, der Artikel 1 des Grundgesetzes, steht sogar in Deutsch sowie Persisch auf der ersten Seite ihres Arbeitsheftes. Direkt unter dem Wort „Willkommen“.
Noch bis April läuft der Deutsch-Kursus, der von der Agentur für Arbeit bezahlt wird. Einige der Teilnehmer sprachen vorher kein Wort deutsch oder englisch, schildert Helmut Biemer. Mittlerweile klappt es mit der „Verständigung“ schon deutlich besser.
