Elisabethfehn/Barßel - Die Verunsicherung bei Lehrern und Eltern ist groß, sagt Kai Kuszak. Seit Rot-Grün vor wenigen Wochen in Niedersachsen eine Koalitionsvereinbarung unterschrieben und die Regierungsgeschäfte übernommen hat, wird über den Fortbestand aller Förderschulen diskutiert. Davon gibt es mit dem Schwerpunkt „Emotionale und Soziale Entwicklung“ (ESE) fünf staatliche Schulen im ganzen Land, eine davon in der Gemeinde Barßel. Dort ist der 44-jährige Pädagoge Kuszak Rektor der Soeste-Schule, die über zwei Standorte mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Barßel und in Elisabethfehn verfügt.
Steigende Schülerzahl
In Elisabethfehn gibt es an der Schleusenstraße 102 die Förderschule mit dem Schwerpunkt ESE, an der Hafenstraße 1 in Barßel die Förderschule mit dem Schwerpunkt „Lernen“ (L). In Elisabethfehn und Barßel unterrichten Kai Kuszak und seine 38 Kollegen rund 170 Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Landkreis Cloppenburg und einigen angrenzenden Regionen. Tendenz: Steigend.
Kuszak spricht von der Soeste-Schule als Förderzentrum. Damit kommt er dem Ansinnen der neuen Landesregierung bereits ein wenig entgegen. Die schulpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen und Vorsitzende des Kultusausschusses im Landtag, Ina Korter (58) aus Nordenham, weiß um die Ängste in den Förderschulen, wenn sie davon spricht, Förderzentren zu entwickeln. So steht es jedenfalls in der Koalitionsvereinbarung.
Über allem schwebt der Begriff „Inklusion“, will heißen: Inklusive Schulpolitik soll dazu führen, dass beeinträchtigte und behinderte sowie normal entwickelte Schüler gemeinsam beschult werden. Offen seien noch die Standorte, sagt Ina Korter. Auch fehle noch ein Konzept für die Umsetzung.
Allerdings sei eine Schließung der bisherigen Förderschulen wohl nicht zu vermeiden. Korter: „Die Umsetzung wird schrittweise und in Abstimmung mit den Schulen erfolgen.“ Bereits im kommenden Schuljahr werde es keine Einschulungen mehr in die ersten Klassen der Förderschule „Lernen“ geben.
Am Standort Barßel werden aktuell mit dem Schwerpunkt „Lernen“ 65 Schülerinnen und Schüler aus der Gemeinde Barßel sowie angrenzenden Orten betreut. Neben den Lehrern sind an der Soeste-Schule vier Sozialpädagogen tätig. Kai Kuszak hält ihren Einsatz und ihre Arbeit für unersetzlich: „Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Störungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung kontinuierlich zunimmt.“ Gemeint seien junge Menschen mit schweren Traumatisierungen und psychischen Störungsbildern. Nach Ansicht von Kuszak gibt es an der Förderschule viele psychisch beeinträchtigte Schüler, welche an der Regelschule nicht beschulbar seien.
Schulgesetz ändern
Die Förderschule ESE spiele eine wichtige Rolle, weil sie Kinder und Jugendliche für eine überschaubare Zeit separiere, um „mit ihnen in einem Schonraum die sozialen Kompetenzen zu entwickeln, die sie für eine inklusive Beschulung an der Regelschule benötigen.“ Ziel sei es, die Schüler für den Besuch von Grund-, Haupt- und Realschule oder Gymnasium vorzubereiten, meint der Rektor. Die Inklusion sei das Ziel, nicht der erste Schritt.
Das sieht auch Claus Peter Poppe (65) so. Der Abgeordnete aus Quakenbrück ist schulpolitischer Sprecher der SPD im Landtag. Die Sorgen der Schulen dürften nicht geschürt werden, sagt er. „Wir müssen die Leute mitnehmen. Das ist eine längerfristige Entwicklung.“ An der Pflicht zur Inklusion komme man nicht vorbei. Schließlich handele es sich um die Umsetzung einer Konvention der Vereinten Nationen (UN).
Die Kinder aus den Förderschulen mit dem Schwerpunkt „Lernen“ könnten in Zukunft an Regelschulen unterrichtet werden. Die Förderschulen ESE sollen in Förderzentren überführt werden. Dazu müsse das Schulgesetz geändert werden. Das sei ein Vorgang von langer Dauer.
Rektor Kuszak hält viel vom Thema „Inklusion“, mag jedoch den Vorschlägen der Regierungsfraktionen nicht viel abgewinnen. Der Pädagoge zusammenfassend: „Ich halte das alles für keine gute Idee.“
