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Andrea Terbrack (52) ist Erzieherin und Begabtenpädagogin. Sie spricht über Erziehungsdruck und Förderung.
Von Annika Richter
Frage:
Frau Terbrack, mit dem neuen Schuljahr wächst wieder der Erfolgsdruck, der auf Kindern wie Eltern lastet. Wie kann man entspannt ins neue Schuljahr starten?
Terbrack:
Es ist wenig sinnvoll, Kinder zu fördern, indem man versucht, ihre Schwächen durch das ständige Üben bestimmter Aufgaben zu beheben. Das motiviert nicht. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes sollten mit einbezogen werden und die Förderung an den positiven Entwicklungsstand angepasst werden. Das vermittelt dem Kind Sicherheit. Es muss auch kein bestimmtes Ziel erreicht werden. Der Weg ist das Ziel. Kinder müssen Erfahrungen sammeln, auch Misserfolge. Außerdem sollten Eltern die eigene Weiterbildung vorleben.
Frage:
Von Kindern wird immer mehr erwartet. Ist denn wirklich sinnvoll, sie in zusätzliche Förderkurse zu schicken?
Terbrack:
Wenn die Bereitschaft zum Lernen vorhanden ist, ist es durchaus empfehlenswert, aber nicht als zusätzliche Aufgabe. Die Kinder sollten gerade zu Beginn der Schulzeit Freude am Lernen finden
Frage:
Aber auch Kleinkinder werden ja schon in Chinesisch-Kurse gesteckt, oder?.
Terbrack:
Förderung sollte immer an den Entwicklungsstand des Kindes angepasst sein. Ab vier Jahren ist eine spielerische Förderung sinnvoll. Die ersten fünf bis sechs Jahre sind die aufnahmefähigsten. Vor allem die Aufnahmebereitschaft der Sinnesorgane ist sehr ausgeprägt. Darum sollte Förderung immer spielerisch mit Erkenntnistätigkeiten wie Hören, Fühlen, Sehen, Riechen oder Schmecken, stattfinden.
Frage:
Ob in Ratgebern oder in den Medien: Eltern erhalten ja unweigerlich immer mehr Ratschläge zur Kindererziehung. Verliert man da nicht die Intuition für das eigene Kind?
Terbrack:
Die Gefahr ist sicher gegeben. Wichtig ist, das Kind im täglichen Geschehen zu beobachten und nichts in das Kind hineinpauken zu wollen, was nicht da ist, sondern die Situation, in der sich das eigene Kind befindet, zu berücksichtigen.
Frage:
All die Erziehungsratschläge in Zeitschriften und Zeitungen, aber auch die Berichterstattung und Bücher über „Problemkinder“ können doch nur Unsicherheiten schüren. Können Sie verstehen, dass Eltern immer ängstlicher bei der Erziehung werden?
Terbrack:
Natürlich, vor allem im Hinblick auf die unsichere wirtschaftliche Situation. Der Druck wird immer stärker, zum Beispiel durch das verkürzte Abitur. Aber davon muss man sich ein kleines Stück frei machen. Anstatt sich von den Medien und Politikern verunsichern zu lassen, sollte man lieber mit seinem Kind zusammen gestalten und sein eigenes Kind erfahren.
Frage:
Vor gar nicht langer Zeit hat man versucht, sein Kind einfach mit viel lichst stabilen Verhältnissen zu erziehen. Reicht das nicht?
Terbrack:
Solange die Eltern merken, dass ihre Kinder eine glückliche Kindheit erleben und wissbegierig die Welt erforschen, reicht das sicher. Ratschläge von Fachpersonal sollten bei Problemen eingeholt werden. Aber jedes Kind ist individuell, und individuell sollte man auch auf sein Kind eingehen.