Um diesen Artikel zu lesen, schließen Sie eines unserer Angebote ab oder loggen sich als Abonnent ein. Alle Inhalte auf NWZonline und in der NWZ-Nachrichten-App stehen Ihnen dann uneingeschränkt zur Verfügung.
Komar ist Seit 2007 Vorsitzender des Stadtelternrates
Reinhard Komar
ist seit 2005 Vorsitzender des Schulelternrates des Gymnasiums. Seit 2007 sitzt er dem Stadtelternrat vor.
Geboren in Nordenham
, studierte er Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Design. Jetzt wohnt der 56-Jährige in Stollhamm und arbeitet am Institut für Designforschung in Oldenburg.
17 Publikationen
zu Fachthemen hat Reinhard Komar veröffentlicht. Gerade arbeitet er an einer erziehungswissenschaftlichen Publikation.
Eine Kandidatur
für den Landeselternrat hat er noch nicht endgültig beschlossen. Gewählt wird am 21. Februar.
Der Elternratsvorsitzende Reinhard Komar will der schulpolitischen Debatte neue Impulse geben. Darüber sprach die NWZ mit ihm.
Von Henning Bielefeld
NWZ:
Herr Komar, waren Sie mit Ihren beiden Informationsveranstaltungen in der Jahnhalle zufrieden?
Komar:
Ja, es waren jeweils 60 bis 100 Teilnehmer da. Wir müssen einen öffentlichen Prozess der Diskussion anstoßen, um die Elternarbeit zu beflügeln und die Fantasie der Lehrer anzuregen. Es braucht überregionale Sichtweisen, um die tägliche Praxis mit guten Beispielen aus anderen Schulen anregen zu können. Es wäre gut, wenn ein Weg gefunden werden könnte, eine solche Veranstaltungsreihe fortzuführen.
NWZ:
Woran fehlt es dem Bildungswesen?
Komar:
Niedersachsen rangiert bei den Ergebnissen der PISA-Tests fast durchweg auf hinteren Plätzen. Dieses Ergebnis kommt sicher nicht zustande, weil unsere Kinder und Jugendlichen im Vergleich mit anderen so viel weniger begabt sind. Die Lehrer müssen vom Politik-Prozess befreit und in die Lage versetzt werden, das Prinzip des Gut-und-Gerne-Lernens zu verwirklichen. Wir haben jetzt 45-Minuten-Takte mit einer Zeitstruktur, die immer mehr Druck macht statt individuelle Förderung zu bieten. Es darf nicht sein, dass bis zu 20 Prozent der Schüler sitzenbleiben.
NWZ:
In Finnland beträgt die Abiturquote 80 Prozent, in Japan erreichen 95 Prozent einen High-School-Abschluss, in den USA 63 Prozent. Warum sind es bei uns nur ein Drittel der Schüler?
Komar:
Das liegt an einer Schulpolitik, die das Schulrechtssicherheitsdenken mit Erlassen im Blick behält, bei Schule aber nicht den jungen Menschen im Mittelpunkt und Bildung nicht als Investition sieht. Dabei müsste jeder Schüler abgeholt und mitgenommen werden. Alle haben an der staatlichen Schule ein Anrecht auf individuelle Förderung, in jeder Lage. Weil nicht mit zeitnah und individuell ausgerichteter Lehrerleistung sofort dann nachgebessert wird, wenn ein Schüler etwas nicht gelernt hat und in seinen Motivationen und Leistungen absinkt, werden hohe soziale Kosten und unnötiges Leid bewirkt. Und wenn wir Schulen hätten, an denen Schüler gut und gerne lernen, könnten wir die Quote höherer Bildungsabschlüsse sicher verdoppeln.
NWZ:
Was hindert Schulen daran, besser zu werden?
Komar:
Die Vielfalt der Zuständigkeiten für alle möglichen Fragen der Institution Schule – vom Lernen über die Finanzen, vom Personal bis zum Bau – bewirkt letztlich organisierte Verantwortungslosigkeit. Schulen müssen heute nicht mehr durch eine Vielzahl von Erlassen, Verordnungen und Richtlinien geführt werden, sondern durch Zielvereinbarungen. Und sie brauchen eine moderne Kapazitätsplanung, mittel- und langfristig auch einen Globalhaushalt, damit sie ihre Ressourcen verstehen und effektiv und effizient planen und einsetzen können. Und sie brauchen vollwertige Freifächer außerhalb der Stundentafeln – wenn sie diese überhaupt anwenden wollen. Schulen brauchen einen klaren institutionellen Rahmen und eine größtmögliche fachliche Freiheit.
NWZ:
Passt das dreigliedrige Schulwesen noch in unsere Zeit?
Komar:
Das ist eine stark ideologisierte Debatte. Auf alle Fälle ist das Gymnasium nicht mehr ein Hort des Bildungsbürgertums, sondern es bezieht seine Existenzberechtigung aus einer vertieften Allgemeinbildung an Themen des Wissens, der Wissenschaft. Gymnasialschülern und ihren Eltern fehlt jedoch oft eine genauere Vorstellung, was Lernen heißt und welche Chancen ein Studium bietet.
NWZ:
Und die Ganztagsschule?
Komar:
Wenn wir den Vormittags-Unterricht mit seinem 45-Minuten-Fließband-Takt, mit den aus der Sicht vieler Schüler nicht enden wollenden Hausaufgaben am Nachmittag und den inzwischen großen heimlichen Privatsektor Nachhilfe zusammen ziehen – dann haben wir faktisch schon eine flächendeckende Ganztagsschule. Wir müssten eigentlich das alles nur in die Schule hereinholen, für alle anbieten und absichern sowie auch finanziell möglich machen, dann hätten wirklich alle Schüler ab 15.45 Uhr frei.